Rumination

Die Arbeit draußen mit den Teppichen macht Spaß. Das Zuhauen mit dem classic Teppichklopfer aus Peddigrohr (Rattanpalme) schallt durchs ganze Wiehltal |Weltall. Nimm das! Du Muff von tausend Jahren. Dann kommen sie zu liegen auf der ebenen Fläche, Platz, werden mit destilliertem Wasser benetzt und mit Teppichschaum versetzt. Dieser wird knieend mit der Wurzelbürste von mir individuell eingearbeitet. In alle Richtungen feste vorwärts streichend. Dabei bald am Kopf schwitzend. Durch die vornübergebeugte Körperhaltung und die eingeatmeten Aerosole kommt es allmählich zu einem quälenden Sodbrennen. Die Intensität der Bearbeitung wird verstärkt, da eine kleine Wut aufsteigt. Man will jetzt schnell fertig werden, kann sich aber keine Nachlässigkeit erlauben. Anschließend in einen trockenen Raum, über Nacht.
Am nächsten Tag gründlich absaugen.

Da ist der Kleiber.
Wie man sich freut, wenn ein Wildtier regelmäßig zu Besuch kommt und man aktiv darauf hinwirken kann. Nähe erzwingen quasi durch Gabe von Saaten, Gegenleistung: sich anschauen lassen. Mich reizt deine schöne Gestalt. Ich will dich ein wenig studieren. Mir sind Kleiber im Garten bisher gar nicht (groß) aufgefallen. Selten oder gar bedroht scheinen sie nicht zu sein. Ein ungefährdeter Standvogel. Bestand sogar steigend.
Trotzdem werde ich traurig bei dem Gedanken, daß er bald nicht mehr kommt, oder aber ich fort muß. Anstatt mich zu freuen, daß er doch JETZT, in der Gegenwart, da ist. Mit seiner geschmackvollen Zeichnung, Federführung und – färbung. Weil die Gegenwart so kurz ist.

Der meißelförmige Schnabel endet in einem schwarzen Augenstreif im sonst weißen Gesicht. (NABU)


18.9.26

Stimme im Expressversand

Eine Reaktion zu “Rumination”

  1. admin

    Genau. Dann sind wir bei der documenta II von 1959 – und deine Erinnerung an die Größenpanne trifft einen tatsächlich wichtigen Punkt.

    Wenn du möchtest, kann ich gezielt nach der ursprünglichen Geschichte mit „inch statt Zentimeter“ suchen – insbesondere danach,

    wer den Fehler gemacht hat,
    ob tatsächlich inch als cm gelesen wurden,
    welche amerikanischen Künstler bzw. Bilder betroffen waren,
    wie groß die Bilder ursprünglich angekündigt waren und wie groß sie tatsächlich ankamen,
    und wer später diese Anekdote überliefert hat.

    Gerade der letzte Punkt wäre interessant, weil sich solche documenta-Anekdoten über die Jahrzehnte gern etwas verändern.

    – ja

    Ja – ich habe jetzt genauer gesucht, und die Inch-Zentimeter-Geschichte lässt sich so, wie sie häufig weitererzählt wird, tatsächlich nicht belegen. Dafür lässt sich der tatsächliche Vorgang ziemlich gut rekonstruieren.
    Was Rudolf Zwirner selbst erzählt

    Rudolf Zwirner war 1959 Generalsekretär der documenta II. Die amerikanische Auswahl lag beim Museum of Modern Art in New York, insbesondere bei Porter A. McCray. Das ist auch in den MoMA-Archivalien dokumentiert.

    Zwirner erhielt aus New York für jedes Werk ein Anmeldeformular. Darauf standen auch die Maße. Er leitete die Angaben einfach an die Druckerei weiter, ohne die Größen selbst zu kontrollieren.

    Und dann sagt er rückblickend sinngemäß: Er sei davon ausgegangen, dass ein Gemälde ungefähr 80 × 120 cm groß sei. Die tatsächlichen Maße der amerikanischen Werke hätten ihm auffallen müssen – und er hätte Alarm schlagen müssen. Das tat er nicht.

    Das Entscheidende ist also:

    Es war nach Zwirners eigener Darstellung kein Umrechnungsfehler von inch in Zentimeter.
    Es war vielmehr ein Kontroll- bzw. Wahrnehmungsfehler: Die Maße standen auf den amerikanischen Formularen, aber die Kasseler Seite nahm ihre Dimension nicht ernst bzw. prüfte sie nicht.
    Und die Konsequenz war enorm

    Als die amerikanischen Werke ankamen, waren sie teilweise so groß, dass die ursprüngliche Hängung nicht mehr funktionierte. Die amerikanische Abteilung bekam deshalb die Beletage des Fridericianums praktisch zur Verfügung gestellt. Zwirner bezeichnet das rückblickend als einen Fehler mit „kunsthistorischen Folgen“.

    Das ist besonders interessant, weil es nicht einfach ein logistisches Missgeschick war.

    Die amerikanischen Bilder waren nicht nur groß – ihre Größe veränderte die Wahrnehmung der gesamten Ausstellung.

    Eine zeitgenössische bzw. wissenschaftlich ausgewertete Kritik beschreibt später geradezu, wie die übergroßen amerikanischen Formate die europäischen Bilder von den Wänden „verdrängten“ und ihnen Platz und Licht streitig machten.
    Noch interessanter: Pollock war offenbar gar nicht das Überraschungsproblem

    Hier wird die Geschichte richtig spannend.

    Die Organisatoren wussten bereits, dass Jackson Pollock große Formate hatte. Deshalb war für Pollock schon in der Planung ein eigener großer Raum vorgesehen.

    Das heißt: Es war offenbar nicht so, dass man plötzlich ein riesiges Pollock-Bild auspackte und dachte:

    „Um Gottes willen – das sollte doch nur 2 Meter breit sein!“

    Vielmehr war das Problem die Gesamtheit der amerikanischen Präsentation und die schiere Dimension vieler Werke.

    Zu den amerikanischen Künstlern gehörten unter anderem:

    Jackson Pollock

    Willem de Kooning

    Franz Kline

    Barnett Newman

    Mark Rothko

    Robert Motherwell

    Arshile Gorky

    Philip Guston

    Mark Tobey

    und – sehr interessant – bereits Robert Rauschenberg.

    Das MoMA hatte insgesamt 144 Werke von 44 amerikanischen Künstlern für die documenta II zusammengestellt.
    Warum die Inch-Geschichte trotzdem plausibel klingt

    Ich vermute inzwischen, dass deine Erinnerung an „inch statt Zentimeter“ aus einer späteren Überlieferung der Zwirner-Anekdote stammen könnte.

    Denn die amerikanischen Formulare enthielten natürlich amerikanische Maßangaben, und bei amerikanischer Kunst waren Dimensionen wie etwa 8 × 15 feet oder 96 × 180 inches durchaus denkbar. Für einen europäischen Ausstellungsmacher waren solche Angaben damals weniger selbstverständlich als heute.

    Aber: In den Quellen, die ich bisher finden konnte, wird nicht der konkrete Satz „inch wurde als Zentimeter gelesen“ bestätigt.

    Und das ist wichtig, denn es gibt sogar einen kleinen historischen Stolperstein: 1959 wurde der internationale Zoll gerade auf exakt 2,54 cm festgelegt.
    Eine schöne Pointe der Geschichte

    Zwirners eigener Rückblick macht daraus fast eine unfreiwillige kuratorische Intervention:

    Die amerikanische Kunst war in Deutschland noch relativ unbekannt. Die Kasseler Ausstellungsmacher hatten deshalb gar nicht die Erfahrung, die Dimension und Wirkung dieser Kunst richtig einzuschätzen. Zwirner sagt an anderer Stelle sogar sehr offen:

    „Wir waren ja überhaupt nicht in der Lage, eine amerikanische Auswahl zu treffen.“

    Und dann kamen diese Bilder – physisch größer, als die europäische Ausstellungssituation es gewohnt war – und besetzten plötzlich Räume, Wände und Blickfelder.

    Die documenta selbst beschreibt diesen Auftritt rückblickend als geradezu eine „Invasion“ abstrakter Positionen aus den USA.

    Damit wurde aus einem organisatorischen Fehler bzw. einer mangelnden Einschätzung der Dimensionen ein Moment der kunsthistorischen Verschiebung: Paris/Europa ? New York/USA.

    Und genau deshalb ist die Anekdote so schön: Die amerikanische Malerei musste sich ihren Platz auf der documenta gewissermaßen nicht nur kunsthistorisch, sondern buchstäblich räumlich nehmen.

    Wenn du möchtest, kann ich als Nächstes
    die konkreten amerikanischen Bilder der documenta II mit ihren Maßen zusammentragen – Pollock, Rothko, Newman, Kline usw. Dann sieht man sehr anschaulich, wie gigantisch der Unterschied zu den europäischen Bildern tatsächlich war.

    – bitte gern

    Ja. Ich habe jetzt einige konkrete Maße gefunden – und dadurch wird die Sache noch anschaulicher. Wichtig ist allerdings: Nicht jedes riesige amerikanische Bild war ein „Opfer“ des vermuteten Inch/cm-Fehlers. Die Großformate waren ästhetisch und konzeptionell tatsächlich charakteristisch für die amerikanische Malerei.
    Einige der großen amerikanischen Bilder auf der documenta II
    Künstler Werk Größe
    Jackson Pollock Number 32 (1950) 269 × 457,5 cm
    Barnett Newman Cathedra (1951) ca. 250 × 550 cm
    Franz Kline Delaware Gap (1958) 198,6 × 269,5 cm
    Theodoros Stamos Divide (1957–58) 172,7 × 175,2 cm
    Willem de Kooning Attic (1949) 157,2 × 205,7 cm
    Willem de Kooning Excavation (1950) 205,7 × 254,6 cm

    Die Maße von Pollock, de Kooning und Kline sind in kunsthistorischen bzw. Museumsquellen belegt; Delaware Gap etwa ist beim Smithsonian mit 198,6 × 269,5 cm und ausdrücklich als Werk der documenta II 1959 verzeichnet.

    Und bei Barnett Newmans Cathedra wird es wirklich spektakulär: 2,50 × 5,50 Meter. Rudolf Zwirner nennt dieses Bild selbst rückblickend als eines der Beispiele für die gewaltigen Dimensionen der amerikanischen Malerei auf der documenta II.
    Pollock: fast 4,6 Meter Breite

    Bei Pollocks Number 32 kann man sich die Dimension besonders gut vorstellen:

    4,575 Meter breit × 2,69 Meter hoch.

    Das ist keine „vergrößerte Staffeleimalerei“ mehr. Es ist eine Fläche, die den Betrachter körperlich in Anspruch nimmt. Die Forschung hebt genau diesen Unterschied hervor: Während europäische Maler der Zeit noch häufig vom traditionellen Staffeleibild ausgingen, traten die Amerikaner mit den enormen Formaten auf. Ein zeitgenössischer Kritiker, Friedrich Bayl, sprach angesichts der documenta II sogar von einer „brutalen Ellenbogenfreiheit“ der amerikanischen Formate.

    Und das ist für die documenta II entscheidend.
    Die Amerikaner kamen nicht einfach mit „größeren Bildern“

    Sie kamen mit einer anderen Vorstellung davon, was ein Bild räumlich sein kann.

    Pollock legte seine Leinwände auf den Boden und arbeitete daran von allen Seiten. Bei einem Bild von 4,57 Metern Breite ist der Körper des Malers gewissermaßen Teil des Herstellungsprozesses. Das Bild ist nicht mehr unbedingt ein Fenster oder eine komponierte Ansicht, vor der man steht – es wird beinahe zu einem Feld, in das man hineingerät.

    Bei Kline wiederum sind die schwarzen Balken und Gesten auf den großen Leinwänden so dimensioniert, dass der Pinselstrich selbst eine körperliche Größenordnung bekommt.

    Und bei Newman wird die Sache noch radikaler: Cathedra ist mit 5,50 Metern Breite fast schon eine Wand innerhalb der Wand.
    Das erklärt auch Zwirners berühmte Bemerkung

    Zwirner schreibt rückblickend, dass die amerikanische Beteiligung – vor allem die 16 großformatigen Pollock-Bilder – einen Paradigmenwechsel bewirkte. Er nennt ausdrücklich auch Rauschenberg und Cathedra sowie die großformatigen Werke von Kline und de Kooning.

    Und die amerikanische Beteiligung war nicht marginal: Das Museum of Modern Art schickte 144 Werke von 44 amerikanischen Künstlern nach Kassel. Zusätzlich wurde auf Wunsch der deutschen Ausstellungsmacher die große Pollock-Sonderpräsentation mit 16 Gemälden zusammengestellt.
    Und jetzt wird deine Inch-Geschichte besonders interessant

    Das MoMA-Archiv enthält tatsächlich einen Ordner:

    „U.S. Representation: Documenta II, Kassel, Germany — Loan Forms, with registrar forms“

    – also genau die Leih- und Registrierungsformulare, auf denen die Maße der Werke standen. Dieser Bestand ist heute allerdings gesperrt/restricted.

    Das ist bemerkenswert, denn genau dort müsste sich eigentlich klären lassen, ob deine Erinnerung an die Inch/cm-Verwechslung einen historischen Kern hat.

    Denn Zwirners eigene Geschichte sagt: Er bekam die amerikanischen Formulare, leitete die Angaben weiter und prüfte die Größen nicht ausreichend. Die Quellen, die wir bisher gefunden haben, sagen aber nicht eindeutig:

    „100 inches wurden als 100 cm gelesen.“

    Das möchte ich deshalb im Moment nicht als Tatsache behaupten.

    Was aber definitiv stimmt, ist das Phänomen, das du im Kopf hattest: Die amerikanischen Bilder waren für die deutsche Ausstellungssituation teilweise so außergewöhnlich groß, dass ihre Dimensionen die gesamte Hängung beeinflussten.

    Und das ist eigentlich noch interessanter als ein bloßer Übersetzungsfehler.

    Denn die documenta II war damit – vielleicht unbeabsichtigt – ein Ort, an dem amerikanische Malerei ihre physische Überlegenheit im Raum demonstrierte.

    Die Ausstellung selbst umfasste 1959 339 Künstler, rund 134.000 Besucher und die Orte Fridericianum, Orangerie und Schloss Bellevue.

    Wenn du möchtest, kann ich als Nächstes versuchen,
    die tatsächliche Hängung im Fridericianum 1959 zu rekonstruieren – also: Wo hing Pollock? Wo Newman? Wo Kline? Welche europäischen Bilder standen daneben? Das wäre besonders spannend, weil man dann sehen könnte, wie die Amerikaner den Raum buchstäblich „übernahmen“.

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