Juli 2003
Thema: (Kein Thema)
Datum: 12.07.03
An: Onehundred@gmx.de
Hallo Helena,
ich bin tatsächlich fertig mit der Universität. nach 15 Jahren.
hatte mir eine größere Erleichterung erwartet, stattdessen mittlere Depression, möchte nur schlafen und werde immer dicker. #
Meine Verwandten denken, ich könnte nun endlich Geld verdienen.
War an der Schule und auf dem Friedhof. Das Grab meines Vaters wird nächstes Jahr schon abgeräumt. Der liegt jetzt fast alleine da, inmitten von umgemachten Gräbern, es sieht aus wie im wilden Westen. Die Friedhofsgärtner verschütten einfach Unkraut-Ex auf die umgemachten Gräber und Büsche. Davon wird alles gelb und verdorrt. Ich mußte lachen.
Die Liegezeiten sind rum. Plötzlich sind 30 Jahre rum.
Ich bin ein Kind und trotzdem 30 Jahre sind vergangen.
Ich träume in letzter Zeit öfter, Freunde hätten sich umgebracht; schon während des Träumens schäme ich mich für die Träume. Ich komme (mit öffentlichen Verkehrsmitteln) immer zu spät zu den Beerdigungen oder treffe auf dem Weg dahin Leute, die mich in Gespräche verwickeln.
Ich wollte Dir eigentlich nur wegen zwei Sätzen schreiben:
In Schönheit sterben kann ich jetzt auch nicht mehr, da ich nicht mehr schön bin.
Statt in Schönheit zu sterben muß ich jetzt in Häßlichkeit streben.
Ich war auch beim Arbeitsamt, da sind sie sehr nett, es gibt aber gar nix.
Man soll ein Profiling machen. Sie wollen außerdem, daß man in sich geht und sehr hart überlegt, was man dem Markt real anbieten kann an Fähigkeiten.
Ich weiß nicht wie ich es schaffen soll, nach Berlin zu ziehen. Ich kann meinen Kölner Druckerei-Job nicht dahin mitnehmen.
Hast Du die Lebensreform-Sachen und a-Clips letztens angesehen?
Wie läuft allgemein sonst?ch hoffe, ganz gut.
Was macht die Katze?
VieleGrüße
Michaela
Thema: Re: (Kein Thema)
Datum: 13.07.03 11:37:44 (MEZ) – Mitteleurop. Sommerzeit
From: Onehundred@gmx.de (Helena Huneke)
To: Uhutrust@aol.com
Liebe Michaela,
ich bin jetzt schon 4 Stunden wach und das ist eigentlich das Limit. Gestern war ich endlich auf dem Flohmarkt, der hier ist, unendlich weites Bahngelände mit leuten aus anderen ländern, die nur ein Euro sagen können und stoisch auf dem Boden in dem Berg müll aus deutschen Wohnungen hocken. Ich hatte mir vorgenommen, ein Fitzgerald zu finden und alle Bücherkisten zu durchsuchen. Wie deprimierend.
Jetzt hab´ich eine Chopin Platte. Auf dem Flohmarkt dacht´ich auch sowas wie in häßlichkeit sterben. Vor Erschöpfung hab ích mir eine Wurst gekauft wollte damit Rad fahrn und alles voll Ketchup. Schuhe, Hose, rad
erschöpfung, erschöpfung
Stellte mir vor das ich wohl zu meinen Eltern zurückziehen werde und wein Trink, und wie elend ich mich mit meiner Mutter streiten werde, wie sehr wir uns hassen, weil wir unsere Fehler sehen. Frauen können sich viel schärfer verletzen, wenn sie in ihrer sensibilität erst mal die feinstnervigen maladen ihrer Gegnerin ausgemacht haben; oder es ist verletzender, weil man da den letzten eingebildeten Hort der Liebe die felle wegschwimmen sieht
Das tut mir leid, mit dem Friedhof, ich finde, Du solltest unbedingt den stein mitnehmen. Schade, das man nicht einen Ort hat an dem man sachen aufbewahren kann über hunderte von Jahren, Scheiße, soll man jetzt schon persönlich ein Friedhof werden – „menschen, die ehrenamtlich arbeiten sind mehr und mehr gefragt“
Vielleicht mag ich das deswegen so ansatzweise Sachen vergammeln zu lassen.
Hab alledrings alles saubergemacht, weil ich mir nach Arzt Besuchen dachte, das da die Bakterien herkommen die mich schwächen. Das war eine unglaublich hoffnungsfrohe zeit mit dem antibiotika.
Sah die A-Clips, gute Sachen auch über Gesundheit „so gehts doch allen, das sind die neuen machtverhältnisse etc. Lese dann über den weberaufstand. Alleine sein wird immer wichtiger zum zumindest irgendwie sterben, oder nein, um einige Minuten Besinnung und Geist zu haben.
Die Ärtztin sagte, wenn man sehr erschöpft ist, muß man eben schlafen. In dieser anstalt hier vibriert der Boden von Lüftungsanlagen etc. von 8 bis 8. Ruh dich doch wirklich erstmal aus und mach´ nur ganz wenig sachen, ein Schritt vor die Tür oder ein strich..
Du hast eine wohnung und Arbeit; vielleicht ist es wirklich so, das wenn man was aufgibt in dem glauben, jetzt müßte aber was besseres kommen, das man damit nur angemeiert wird und sich der freut, der Deine Wohnung teurer vermieten kann.
ich finde Du bist noch schön. besonders deine Stimme jetzt ist mir das kompliment gleich etwas peinlich und ich weiß nicht weiter…
alles liebe, helena
Thema: Re: (Kein Thema)
Datum: 14.07.03
An: Onehundred@gmx.de
ich freue mich über das Kompliment mit der Stimme und mir ist es jetzt auch ein bißchen peinlich zu fragen, ob Du nicht mal überlegt hast, mit Deinem Schreiben Geld zu verdienen… „real“
so schreiben wie man auch redet?, wenn man einem etwas berichten will. So, daß man eine richtige Mitteilung macht über etwas, wie man selbst auch gern gute Reportagen, Berichte liest oder sieht.
gestern ein Schwimmbad-Themenabend aus Journalismus, der mir gut gefiel die Leute (in Berlin Wilmersdorf, danach in Amsterdam in einem Hallenbad) einfach reden und sein läßt.
Heute auf der Arbeit erzählte unser Willi, in Griechenland im Urlaub auf dem Dorf wärs so unheimlich gewesen. Wie die Leute aussahen und kuckten.. – Wie denn, was denn?? – Einmal hatte ein Hund vor seiner Hütte gelegen mit abgeschrabbtem Hals an der Kette. Vor sich eine halbe Katze zum fressen. Da wären sie schnell wieder abgehauen.
Dazwischen haben wir uns beim Maschinen reinigen über Tour de France unterhalten. Die meisten in der Firma sind große Fans davon, ich zum Glück auch. Jan Ullrich Fans, nachdem Jan Ullrich jetzt so vermännlicht ist. Wenn er so ein verbranntes Gesicht hat. Im Winter noch ein weißes, langweiliges Kind, im Sommer verbrannt und rough.
Ich möchte mich mit jemand treffen, aber ich weiß nicht wie.
ich kann es in keine Richtung forcieren.
Willst du wirklich wieder nach Hause?
hast Du die Restaurant-Rezepte gesammelt?
Ich fand sie immer hart und ziemlich gut.
Ich überlege, wie sich eine Sammlung davon in einem Heftchen machen würde.
Wahrscheinlich prima.
Tschüss!
Dein Mottek
Thema: Re: (Kein Thema)
Datum: 15.07.03 16:16:40 (MEZ) – Mitteleurop. Sommerzeit
From: Onehundred@gmx.de (Helena Huneke)
To: Uhutrust@aol.com
Hallo Michaela!
Puh, soviel machst Du bei dieser Hitze. ich las grad einen Artikel über japanische Suizidverabredungen und werde ängstlich, naja, es geht. Schlechter Einstieg, aber komisch, da steht das sie das machen, weil sie das Gesicht verlieren, wenn sie keinen Job haben, das sie vielleicht nix zu essen haben steht da nicht. Ich zeichne und das ist gut, wenn man mutig sein muß, entdeckt, das das meiste doch von selbst geht (ein Hoch auf das Malen und die Kunst) und arbeit ist; da zu sitzen und es gefällt und gefällt nicht, man strengt sich brav ein, bis einfällt „Bad painting“ und der ganze trotz und die ganze Ungerechtigkeit machen ein bild und mit kindischer Lust. Machst Du auch was? Es ist wirklich billig, aber absolut gut so zu sehen, was sich verändert über die Tage. War allerdings auch extrem anregend mal kurz Birgit hier reingepurtzelt zu haben. Im Radio läuft „what´s New Pussycat, whouaua..
Ich glaube einfach nicht, das ich es schaff einen job anzufangen und zu zeichnen, dazu fühl ich mich einfach zu schwach und dieses jahr könnte ich doch noch ausstellen, Messen machen; nächstes Jahr nicht mehr, denk ich immer; aber vielleicht ist das der Fehler, mit dem ich mich so enorm streße,
jetzt nocheinmal alles geben etc.
wahrscheinlich ist das der Fehler, es sind doch alle etwas schwach grade,
also gehts eben etwas langsamer.
mann, das muß es ganz schön öde sein, in Köln so vor sich hinzuarbeiten. Bzw. es gibt doch diesen Brotherslasher Raum, das ist glaube ich sehr gut oder?
Neulich auf dem markt (wo die wurst war) sah ich eine Frau, deren „Erscheinung“ mir unglaublich schön vorkam, ganz ungewöhnlich; dann begriff ich das das Bianca Schönig ist. Sie war immer schon eine der ältesten, von den „jungen“ teilweise mitleidig belächelten, mit Kind, altmodischen Ansichten über Liebe, einer sonderbar kindlich trotzigen art von Humor und sie strahlte so besonders;
Nele sag ich das sie nicht immer Lippenstift und Wimpertusche nehmen muß, dann ist auch diese weiche und über die Angst völlig erhabene Ausstrahlung der ganzen Schönheit da, die man gelebt hat. Es war nämlich etwas herbstliches drin, vielleicht weil es wie ein Geist ist, der aus der warmen Erde bestrahlt wird, transparent wie ein ein dreidimensionales Spinnweb, verzaubert.
In der Zeitung sah ich eine Frau, die Dir sehr ähnelt, in einer Technik-Anzeige, eben so aufgebretzelt wie die Bilder sind, die einem gezeigt werden, mit schön gelegter kastanienbrauner Tolle in der Stirn, den Kopf etwas nach hinten, aber das wäre eher wie ein witz das zu schicken, darum geht’s nicht, nein.
Ich möchte gerne wie Miss Marpel sein, das war wirklich meine allerliebste Vorstellung vom leben als Kind. man darf nicht so panisch sein wegen Sex, vor allen Dingen kann man das ja nicht abtrennen. ich hatte viel von freundinnen im Ohr, bei denen es sich so anhört, als wenn man Ohrenkrebs kriegt ohne. zeit mal einem (älteren) Galeristen zu verzeihen, der sich in mich verliebte und von mir so entrüstet als Atombombenbedrohung bezichtigt wurde. Ich habe das Gefühl, das die jungen zwar für eine zeit jung halten, aber eben auch viel nehmen, weil man immer alles erklären muß. Vor allen dingen kommt liebe eben irgendwann und meistens wenn man nicht damit rechnet. Danke, das dir die Rezepte gefallen, ich wollte sie andré geben für sein meisenmagazin. Das kommt alles aus einer Zeit, die vielleicht dem reformprojekt ähnlich war, wo ich dachte man könnte mit ästhetischen Handlungen, Disziplinen irgendetwas reißen. Ist aber auch als persiflage auf die Ich-Ag´s zu verstehen. Warum machst du nicht auch mal ein schönes Heft mit leuten, die Du Dir aussuchst?
Tja, auf den Tip mit dem Schreiben hab ich jetzt gar nicht geantwortet. Ich soll mich wohl nächste Woche im Bioladen bewerben. Ich weiß ja aus erfahrung das sofort eine riesenlast von einem fällt, wenn man einen Job hat. Aber das soll wirklich nicht der letzte Satz sein, Du kannst ja so blendend schreiben, wie der artikel in TZK..!
soviel und Grüsse von Pouh Pouh, der mittem im Bild liegt und dick und rund schnarcht und ganz süß ist und gottseidank nicht angefressen, aber sein autounfall war wohl hoffentlich das einzige schlimme was er gehabt hat. Man sollte jetzt mit einem knatterndem Auto unter Wasser nach Belgien fahren oder?
in einem schönen wald rumstrolchen
helena
Thema: Re:
Datum: 19.07.03
An: Onehundred@gmx.de
Ja, ich bin dabei,
finde unseren neuen Briefwechsel auch gut.
Köln ist so unglaublich dröge, das stellst Du dir nicht vor – gestern war eine tödlich langweilige Kunstvereins-Eröffnung, es gibt weder Männer noch Frauen, nur Hirnis und Heinis und dummes Gelalle.
wegen Volgau-Blätter.
Sehr gern.
Ich tau erstmal meinen Kühlschrank ab
Herzliche Grüße
M
Thema:
Datum: 19.07.03 12:42:04 (MEZ) – Mitteleurop. Sommerzeit
From: Onehundred@gmx.de (Helena Huneke)
To: uhutrust@aol.com (u u)
Hallo michaela, jetzt tu´ich es genau wie die frau auf dem plakat der neuen dresnder bankfilliale und lieg da glücklich mit dem laptop auf dem bauch. ich hab mir grade einen balkon gebaut. Oh, Segen der Improvisation. Das er aus einer Barrikade enstanden ist, weil hier gestern ein Mann vor meiner Hintertreppentür stand und ich mir sehr allein und dumm vorkam in diesem Atelierkomplex in dem ich natürlich unzulässigerweise wohne erzähl ich Dir nicht, weil das ist ja schon wieder alles vergessen und auf Regen folgt Sonnenschein! Und was kann ich denn tun außer mich entspannen
und meiner geregelten Arbeit weiter nachgehen? Wem würde es denn helfen, wenn ich nichts mehr einkauf?
z.B Bier, wegen meiner Migräne .
Ach, Michaela, es ist alles so schlimm, das ich schreiben wollte, für die Volgaublätter und Dich wollte ich fragen, ob Du mitmachen willst. Ungefähr so „Wissen Sie, schließlich sind wir beide Frauen der Feder, Hausmäuse sozusagen mit einem Selbstbewußtsein, das wir nur vielleicht nicht weniger können, als das schreiben, was viele (mehrere) denken aber nicht schreiben können. Wir bräuchten uns nichtmal besonders anzustrengen und könnten so übers Wochende hin und her schreiben. ‚
jetzt trink ich schon starken Kaffee.
Statt mich zu „erhohlen“, was hälst Du davon?
Ich hatte für Astrid und lina, die die Volgaublätter in B machen Zeichnungen über ein Baudelaire Gedicht mit Frauenliebe gemacht, aber erstens wird das wahrscheinlich schlecht klein kopiert und zweitens war Lina enttäuscht, das es nicht mehr Text gibt für ihr Heft. Ich hatte Sachen angefangen zu schreiben, aber das ist alles ohne Rahmen.
Ich könnte aber dir Teile schicken, vielleicht fällt Dir was ein; aber hauptsächlich könnte es auch was ganz anderes werden. Ich würde gerne was mit Dir zusammen veröffentlichen.
Ich dachte nach Deinem letzten Brief auch, wieviel besser es wäre, wenn Du mal nach Hamburg kommen würdest und wir z.B mit Nele ein Heft machen würden, etwas positives, selbst produzieren besser als diese Flüchtigkeit im Netz.
Also, vielleicht bist Du da und hast Lust, vielleicht bist Du mit Deiner schönen Stimme im Waldsee bei den Vögeln, mal sehen
viele Grüsse, Helena
PS Lina und Astrid sag ich schon mal, das ich noch was schreibe