Das Kommen und Gehen der Lebewesen in dem schmalen, ihrem Handeln offenstehenden Hohlweg

15:20 Hitze, tolle Hitze.

Versuch, was Längeres zu posten. Wird mir an allen Ecken zu doof und zu geschwätzig.

„Linsen gekocht und dann nicht weiter gewußt.“
Problem der Selbstkommentierung. Daß alles schon gesagt ist, jedes Problem bereits beschrieben. Stimmt eben auch nicht.

Ja und?

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Dienstag, ca. 17:30 im Humboldthain.

Ich lege mich auf die Wiese in die Nähe von drei jungen Frauen, die über Opfergehabe in ihren Familien sprechen und beginne mit der Einleitung von Henri Bergsons „Schöpferische Entwicklung“; ich denke: Es gibt nichts Schöneres, als intellektuelle Frauen. Nichts Schöneres auf der ganzen Welt. Ein Buch aus der weißen Reihe der Nobelpreise für Literatur mit goldener Krone aus dem Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf. Nobelpreis 1927.

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Die Frau im Rot-Kreuz-Laden hatte gesagt: Das Buch schenke ich Ihnen. Da freuen Sie sich und haben heute Abend was zum Schmökern und die Bluse lasse ich Ihnen für 2 Euro, weil hier das Knöpfchen fehlt, dann haben Sie noch ein Schnäppchen gemacht und einen schönen Tag gehabt! – Ich hatte sie schon zu anderen Kundinnen „dann hat sich der Tag für Sie gelohnt“ und „dann sind Sie doch schön zufrieden!“ sagen hören und vor mich hingelacht. Auch hatte sie mich beim Durchsehen der Bestände so offensiv, als wisse sie seit Jahren von meinem Nierenleiden und meiner Schaufensterkrankheit, gefragt: Wie geht es Ihnen denn heute? – Weil ich zu perplex oder sowas bin, um sofort zu antworten, betreibt sie eine Art Vorwärtsverteidigung, sie kennt mich doch! und sagt schnell: Sie waren doch schon mal hier! – Abends erzählt sie vielleicht ihrem Mann oder Gott im Gebet: Alle waren mir heute wieder dankbar. Ich habe mich für sie interessiert, sie erfreut und beschenkt. U.U.: Auch ich habe zu danken. – Richtig schlimm ist es nicht, vielleicht ist es in einer richtigen Boutique sogar normal, daß man so beschwatzt wird. Vielleicht hat sie auch was abzusühnen.

Die Bluse hatte ich sofort gewaschen und zum trocknen auf den Balkon getragen. Von dort sie der Wind auf die Markise vom Happy Day heruntergeweht hat. Ich sah sie da verdreht liegen und beschloß, mich nicht weiter darum zu kümmern. (Am nächsten Tag war sie weg.)

„Schöpferische Entwicklung“ ist 1907 als L‘ Évolution créatrice erschienen, auf deutsch 1912. Bei jeder Aussage, eigentlich jedem dritten Wort ungefähr muß ich einhalten und mich fragen, wie ich was sehe, was ein Wort meint, ob ich das durchgehen lassen kann, das Gesagte, wie auch mein Verständnis davon, ob es überhaupt das Gemeinte ist, was ich verstehe. Ich befürchte nämlich oft: eher nicht. Aber – weiß es der Autor? Was weiß der Autor, 1907?

Das ist natürlich nervend, daß überhaupt nichts einfach hingenommen werden kann und für den Autor mitgedacht werden muß. Wie bekannt der Umstand ist, nervt genauso. Noch mehr. Weil ich auch immer noch nicht weiß, warum es so ist. Günstigenfalls kann ich annehmen, daß ich durch Überprüfen und Gegendenken den Gedanken ergänzen und schließlich komplett machen will. Um weiterlesen zu können erst meinen Frieden machen muß. Ich kann mir ohne Weiteres einbilden, das geschieht im Sinne des Fortschritts der ganzen Menschheit. Erst zum Abschluß bringen, zur vollen Gänze, dann, – im Besitz der Gewißheit nichts unbeachtet gelassen zu haben -, weitergehen.

Bergson schreibt schön. Nach einer halben Stunde habe ich vielleicht 1 1/2 Seiten geschafft und höre lieber einer leicht bekleideten und stark tätowierten Grundschullehrerin zu, die einem Mann gegenüber, der sehr leise spricht, drei Problemfälle in ihrer Klasse beklagt. Insbesondere über ein völlig distanzloses Mädchen, das ihr an die Klamotten gehe und sogar in die Haare greift. Ich sehe mich ins Internet einschreiben, mit welchem Gewinn ich heute Henri Bergson im Humboldthain gelesen habe. Vielleicht zusätzlich, daß wir uns jetzt immer im Internet aus der Ferne darüber berichten, was wir lesen, wo wir gewesen sind, was wir dort gedacht [und erhofft] haben, ohne dabei jemals auf einen der Unsrigen zu treffen.

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„Henri Bergsons L´Évolution créatrice  in einer exzellenten neuen Übersetzung

Schöpferische Evolution

Zuinnerst sind wir reine Zeit
FAZ 28.11.13

33 Reaktionen zu “Das Kommen und Gehen der Lebewesen in dem schmalen, ihrem Handeln offenstehenden Hohlweg”

  1. admin

    *) ich glaube ich meine INTELLIGENTE Frauen, nicht intellektuelle.

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    Künftig werden sich die Krankenkassen bei jedem Einzelnen erkundigen, ob er nach dem Tod Organe spenden will – doch was bedeutet ein Ja konkret?
    Von Christina Berndt

    Nicht darüber nachdenken – das wird jetzt schwieriger. Damit die Deutschen entscheiden, ob sie nach ihrem Tod ihre Organe spenden wollen, werden sie künftig regelmäßig Post von ihrer Krankenkasse bekommen. Aber welche Folgen hat es konkret, wenn man im Organspendeausweis ein ‘Ja’ ankreuzt? Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen.

    Werde ich in jedem Fall Spender, wenn ich mich dafür entscheide?

    Nein, die Wahrscheinlichkeit ist sogar gering. Organspender kann nur werden, wer infolge einer schweren Hirnverletzung beatmet wird – etwa nach einem Unfall oder einer Hirnblutung. Wenn sich dann herausstellt, dass das gesamte Gehirn unwiderruflich geschädigt ist und der Mensch nicht mehr ins Leben zurückkehren kann, gilt er als hirntot.

    Wieso arbeiten meine Organe noch, wenn ich doch tot bin?

    Beim Hirntod sind alle Funktionen des Gehirns erloschen. Daher hat ein Hirntoter kein Bewusstsein und atmet nicht mehr. Damit die inneren Organe nicht infolge Sauerstoffmangels absterben, muss für die Organspende die künstliche Beatmung fortgesetzt werden. Das Herz schlägt dadurch weiter, die Brust hebt und senkt sich. Der Mensch ist warm und wirkt nicht wie tot.

    Ist die Hirntod-Diagnose verlässlich?

    Zwei Ärzte stellen unabhängig voneinander den vollständigen und irreversiblen Ausfall des Gehirns als funktionierendem Ganzen fest. Die Kriterien dafür sind streng, allerdings gibt es keine Zertifizierung der Ärzte. Die Kritik am Hirntodkonzept ist vornehmlich philosophisch begründet – etwa wenn Ethiker die Definition des Lebens nicht allein am Zustand des Gehirns festmachen, sondern an der Integrität des Körpers; diese ist zum Teil noch gegeben, wie sich nicht nur am Funktionieren der inneren Organe zeigt. Hirntote produzieren Stuhl und Urin und zeigen auch physiologische Schmerzreaktionen, die sie allerdings wegen des abgestorbenen Gehirns nicht mehr wahrnehmen können.

    Was passiert bei der Organentnahme?

    Zunächst wird Blut entnommen. Zum Schutz der Empfänger soll ausgeschlossen werden, dass der Spender mit Krankheitserregern infiziert oder krebskrank ist. Mit Hilfe des Blutes wird auch der passende Empfänger bestimmt. Zudem werden dem Spender Arzneien zur Muskelentspannung verabreicht; sie sollen Reflexe bei der Organentnahme unterdrücken, etwa Armbewegungen des Hirntoten; diese können noch auftreten, weil sie vom Rückenmark und nicht vom Gehirn gesteuert werden. Auch bekommt der Spender Heparin, das seine Blutgerinnung hemmt. Die Organentnahme ähnelt einer Operation. Danach wird der Körper für eine Aufbahrung vorbereitet.

    Was geschieht mit den Organen?

    Jede Woche sterben in Deutschland 21 Menschen, weil ein lebenswichtiges Organ nach Krankheit oder Unfall versagt. Ein einziger Spender kann sieben schwer kranken Patienten helfen – mit Herz, Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse, Dünndarm und beiden Nieren. Die Spende bleibt aber anonym. Es wird kein Kontakt zwischen Angehörigen und Empfängern hergestellt.

    Wird eine Entschädigung gezahlt?

    Nein, obwohl manche Fachleute fordern, dass die Krankenkassen die Beerdigungskosten übernehmen sollten. Auch andere Formen des Anreizes soll es in Deutschland nicht geben. So werden erklärte Organspender nicht bevorzugt, wenn sie einmal selbst auf ein Organ angewiesen sind.

    Was könnten Angehörige fürchten?

    Wenn sich im Blut zum Beispiel Aids-Erreger finden, ist eine Spende ausgeschlossen. Da die Angehörigen dann erfahren, dass keine Organe verpflanzt wurden, könnte dies posthum Fragen in der Familie aufwerfen. Zudem kann es für die Hinterbliebenen schwierig sein, ihren Liebsten warm und mit schlagendem Herzen zurückzulassen – in dem Wissen, dass noch etwas mit ihm geschieht. Für manche Angehörigen bleibt das Gefühl, sie hätten ihren Partner im schwersten Moment im Stich gelassen.

    Bin ich mit 65 Jahren zu alt für eine Spende? Und was ist mit Rauchern?

    Früher hieß es, der junge verunglückte Motorradfahrer sei der typische Organspender. Das ist längst nicht mehr so. Aufgrund des wachsenden Bedarfs werden auch Organe von Hochbetagten verwendet. Heute sind 50 Prozent der Spender über 55 Jahre alt und 30 Prozent sogar über 65. Auch Organe von genesenen Krebskranken und Rauchern sind willkommen. Bei Letzteren ist die Lunge oft nicht transplantabel, wohl aber sind es Nieren, Leber und Herz.

    Kann ich eingeschränkt zustimmen?

    Ja. Jeder kann auf dem Organspendeausweis vermerken, welche Organe er spenden möchte. Auch kann er über seine Gewebe einzeln verfügen. Diese werden in der modernen Medizin auf mannigfache Weise verwendet – und retten keineswegs immer Leben. So werden Knochen, Knorpel oder Sehnen heute auch für Arzneimittel, Labortests oder Schönheitsoperationen genutzt.

    Süddeutsche Zeitung
    Samstag, den 26. Mai 2012

  2. admin

    28.5.12, 0:59

  3. admin

    Mathieu Malouf: Slaves

  4. admin

    Heute:

    19 Uhr c.t.
    Benjamin Buchloh
    Zufall, Intention und Serialität in Gerhard Richters Abstraktionen
    Humboldt-Universität, Senatssaal, Unter den Linden 6, 10117 Berlin
    (droege)

    20 Uhr 30
    In einem Jahr mit 13 Monden, BRD 1978, Rainer Werner Fassbinder,124’,35 mm
    Zeughauskino, Deutsches Historisches Museum
    (Zeughausgebäude Eingang Spreeseite)
    Unter den Linden 2, 10117 Berlin
    (gut)

    _______________________

    Hands on Fassbinder im Zeughauskino, Reihe

  5. admin

    (daß man selber auch schon so ein verdrehter, vereinsamter Internet-Spast geworden ist, der fürchtet, seine Angebereien niemals mehr körperlich einlösen zu können.)

  6. admin

    oh, Juni.
    Juno und Julo
    Büro, Büro

  7. admin

    S.P.O.N. – Die Kolumnisten

  8. admin

    Zettel
    „Könnte der Nachbar wohl des Nachts das Privatfernsehen leiser drehen?
    Danke, M
    1.6.12; 4:08“

  9. admin

    Georg Diez schreibt schon fast wie F. J. Wagner.

  10. admin

    Jutta Koether

    Winter

    2012 Acrylic and resin on canvas 63×86.61x.79 inches 160x220x2 cm

  11. admin

    Die Schleckers

  12. matumba

    gefällt mir.

  13. admin

    Anton Schlecker sieht aus wie ein grundböser Sektengründer mit unvorstellbar perversen Vorlieben.
    #fifty shades

  14. admin

    gefällt mir:

    „Eine seiner Aufgaben der Professur sei es, Texte zu verhindern, da die meisten Texte Mist seien, insbesondere die eigenen; warum wisse er nicht. Auch merkte er an, daß schlechte Texte nicht verbesserbar seien, die Arbeit an ihnen lohne daher nicht, man solle sie weglegen.

    In ihm pulsiert eine „Lebensvernichtungsgalaxie“.

    Zuletzt war er auch auf einem Friedhof, wo u.a. Ivan Nagel, Heiner Müller, Hegel, Christa Wolf, Hans Mayer begraben sind; begeistert hatte ihn, daß es ein lebendiger Friedhof sei: neue Tote kommen zu den alten Toten.

    Sprachgefühl, die innere Letztethik, sei sehr empfindlich/verletzlich und kann dadurch von (schlechter) Literatur leicht beeinflußt werden.

    „Alles was Handwerk am Schreiben ist, ist komplett egal“. Leider konnte ich bei dieser und anderen Aussagen, die in eine ähnliche Richtung deuteten, das Gesicht des Laudators nicht sehen. War auch Gegenstand der Diskussion: Wenn er von Literaturschulen nicht so wahnsinnig viel halte, was gedenke er denn hier beizubringen, so die Frage. Die Antwort darauf fiel nach kurzem Zögern: „Beibringen“ sei schon das falsche Wort, hier werde nichts gebracht. Vielmehr wolle er eine „Aufmerksamkeitsübung für Weltverhältnisse“. Er wolle gute Literatur lesen (lassen). Das erscheint insofern logisch, als die Essenz der Literatur seiner Meinung nach Sprachgefühl und Menschenkenntnis seien; ersteres läßt sich durch das Lesen guter Literatur entwickeln, Menschenkenntnis durch die geplante Aufmerksamkeitsübung für Weltverhältnisse gewinnen.“

    Quelle

  15. zwnazig

    karsten: katzen.csu.ossi.münchen.1860 ff.heia!

  16. admin

    Die Pfaueninseln (2011)

  17. admin

    gute Laune
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    Sepp Maier über
    Torhüter
    von Harald Hordych und Alex Rühle

    SZ: Herr Maier, dürfen wir mal Ihre Hände sehen?

    Sepp Maier: Warum?

    Ob Sie sozusagen Spuren tragen…

    Oh, nicht viel, bisschen dicke Knochen, und der Finger hier ist krumm!

    Was ist da passiert?

    Da hab ich irgendwann einen Ball draufgekriegt – Kapselverletzung. Als guter Torwart hast du so was ständig.

    Haben Sie auch mal mit Verletzung gespielt?

    Ich hab nur mit Verletzung gespielt.

    Im Ernst?

    Nicht so schlimm, wir hatten einen guten Doktor, der hat alles weggespritzt mit Cortison. Direkt rein und fertig. Dann hattest du keine Schmerzen mehr.

    Haben Sie damals keine Handschuhe angezogen?

    Anfangs nur, wenn es nass war.

    Aus welchem Material waren die denn?

    Aus Wolle. Wir haben damals oft in England gespielt. Da drüben regnet“s ja ständig, also mussten die auch das beste Material haben. Deshalb habe ich mir aus Liverpool ein paar mitgenommen, Regenhandschuhe. So wie andere Regenreifen kaufen, haben wir Regenhandschuhe gekauft. Aber dann haben sich die Bälle verändert. Den nassen Lederball hat der Wollhandschuh schön angesaugt. Aber dann sind die plastifizierten Bälle rausgekommen, da hat“s mit dem Wollhandschuh nur noch pffffft gemacht.

    Der ist Ihnen durchgeflutscht?

    Bei nassem Wetter. Die Gladbacher zum Beispiel hatten einen Ball, der war so glatt wie eine Fensterscheibe.

    Hatte denn jeder Verein seinen eigenen Ball?

    Ja, die einen hatten glatte, andere hatten hart aufgepumpte, die nächsten ganz weiche. Bei Ajax Amsterdam hatten sie extrem glatte Bälle. Wir mussten da spielen im Halbfinale des Europapokals. Und ich war halt ein Spieler, der den Ball nicht wegfaustet, sondern immer fangen will.

    Und Sie hatten nur Ihre Wollhandschuhe.

    Ich habe mit allem rumprobiert, was sich nur denken lässt. Unsere Physiotherapeuten hatten einen Schaumgummi, den sie bei Verletzungen unterlegten. Plötzlich merk“ ich, der klebt ja richtig. Ich hab mir einen Lappen genommen, den Ball nass gemacht – der pappte richtig! Ich wusste sofort: Das ist es! Das ist es!

    Haben Sie etwa den Schaumgummihandschuh erfunden?

    Ja. Vor dem Spiel gegen Amsterdam habe ich mit der Schere die Finger aus dem Gummi ausgeschnitten und mit Patex auf die Wolle geklebt. Kurz vor der Halbzeit schau ich auf meine Handschuhe und denke: Wo ist denn der Gummi? Da war nix mehr! Alles wegrasiert von den Schüssen.

    Da scheinen Sie ja viele Schüsse aufs Tor bekommen zu haben.

    Wir haben null zu vier verloren. Aber die Idee war trotzdem super. Dann habe ich die von der Handschuhfirma angerufen und gesagt: Ich habe da eine neue Erfindung. Die haben nur gelacht, weil wir sogar schon Haifischhaut ausprobiert hatten.

    Wie fühlt sich denn Haifischhaut an?

    Der Haifischhandschuh war hart wie ein Brett. Aber mit denen hab ich super gehalten. Nur: Nach jedem Schuss hatte der Ball Furchen drin, richtig tiefe Risse. Wenn einer zehn Mal aufs Tor geschossen hätte, und ich hätte alle gefangen, hätten wir keinen Ball mehr gehabt. Deswegen haben wir dann den Schaumgummi ausprobiert.

    Haben Sie sich die Idee patentieren lassen?

    Leider nicht. Heute hat die ja jeder.

    Damals war es Ihr Markenzeichen: der Maier mit diesen Riesenhandschuhen.

    Alle haben mich ausgelacht.

    Sah ja auch lustig aus.

    Wenn der Handschuh zwei Nummern größer ist, wird der Ball viel weicher. Wie in einem Kissen hat der Ball in meinen Händen dringelegen. Wie ein Kopf in einem weichen Kissen.

    Sie haben mal gesagt: Wir haben damals eine Mordsgaudi gehabt, heute ginge das nicht mehr. Warum nicht?

    Weil“s sofort überall in den Medien steht. Wir hatten früher mehr Freiheiten.

    Sie haben ja sogar Ihrem Vereinsarzt mal ein totes Kaninchen in den Koffer geschmuggelt.

    So etwas würde ich prinzipiell nicht machen. Ein totes Kaninchen, also bitte! Das war ein lebender Feldhase. Der muss doch rausspringen können. Der Adi Katzenmeier rennt aufs Feld, macht seinen Koffer auf und der Hase springt raus. Ein herrlicher Moment. Der Katzenmeier hat zehn Tage nicht mit mir geredet.

    Über den Torwart haben Sie mal gesagt: Verrückt muss er sein. Ein Besessener. Ein Außenseiter. Sogar im eigenen Team.

    Der Torwart ist seine eigene Fakultät. Ich habe das gemerkt, als ich Torwarttrainer geworden bin, da hatten wir mit der Mannschaft nicht viel zu tun.

    Als Sie selbst noch Torwart waren, wurden Sie doch gar nicht spezifisch trainiert, oder?

    Wir waren immer nur das fünfte Rad am Wagen, mussten eine halbe Stunde vorm Training da sein und dann ging“s einfach nur auf, nieder, rechts, links, zehn Bälle, lauter Schmarrn! Die hatten ja keine Ahnung vom Torwart. Ein Irrsinn war das. Danach ging das Training erst los. Und du hast genauso Konditionsarbeit mitgemacht wie die Feldspieler. Nach dem Training sagt dann der Trainer: Bleibst noch da, die Stürmer machen noch Schusstraining.

    Und im eigentlichen Training haben Sie auch draußen gespielt, mit Beckenbauer und Müller?

    Logisch…

    Auf welcher Position?

    Mittelstürmer, immer neben dem Gerd. Oder Rechtsdraußen.

    Und hat der Müller Ihnen immer die Butter vom Brot genommen?

    Der Gerd soll froh sein, dass ich im Tor geblieben bin, sonst hätte es gar keinen Gerd Müller gegeben.

    Wie hat sich denn das mit dem Torwarttraining entwickelt? Irgendjemand muss doch mal gemerkt haben, dass man da was ändern muss?

    Das fing mit Werner Kern an, dem Assistenten vom Dettmar Cramer. Der kam vom Skifahren und hatte vom Fußball keine Ahnung. Dem hab ich erst mal alles beigebracht. Mit der Zeit hat er sogar gelernt, nicht immer drüberzuschießen. Den hab ich als Torwarttrainer ausgebildet. Der hat viel gelernt von mir. Und dann hat er es weiterentwickelt.

    Das war alles so improvisiert?

    Ja, alles. Ab 1984 hab ich Jean-Marie Pfaff auf seinen Wunsch hin bei Bayern trainiert, damals noch sporadisch. Dann hat mich der Franz vor der EM „88 angerufen: Du machst doch bei Bayern Torwarttrainer, möchtest du das nicht auch bei der EM in Deutschland machen? Hab ich“s halt gemacht. Und als dann Kahn gekommen ist, „94, da hat Uli Hoeneß gesagt: ,Sepp, ich hab jetzt den Oliver Kahn gekauft. Ich will, dass du jetzt fest angestellt bist bei Bayern. Ich habe dir einen Edelstein gekauft, schleif ihn dir zum Diamanten.“

    Hat der gleich zu Anfang gefunkelt?

    Als ich den Kahn 1994 kennenlernte, war der noch bei Karlsruhe. Beim ersten Training dachte ich: um Gottes willen! Der kann sich ja überhaupt nicht bewegen.

    War der so steif?

    Wie ein Hackstock. Der ist ja auch steif geblieben, nur am Schluss wurde es ein bisschen besser. Wir haben damals gedacht: Oh-oh-oh! Aber dann sind wir nach Amerika gefahren und da hat der Olli bei jedem Wetter trainiert, sogar bei Gewitter. Es hat gedonnert, geblitzt und geschüttet, alle sind rein, nur der Olli hat gesagt: Wir machen weiter. Die Blitze gehen neben ihm runter, es donnert und kracht, er fängt einfach weiter. Da habe ich mir gedacht: Das ist ein Typ. Aus dem wird mal was. Ist ja auch was draus geworden.

    Sie haben ihm auch ordentlich zugesetzt.

    Na sicher, der hat ja gesagt, er hasst mich.

    Das Finale 2002 war schmerzhaft, oder?

    Das ist die Tragik des Torwarts. Der Olli hat die ganze WM über so gut gehalten und dann passiert ihm der Patzer im Endspiel. Ich hab ihm danach gesagt: Stell dich drauf ein, das wird dir dein ganzes Leben lang nachhängen. Die Glanzparaden gegen die USA, das Spiel gegen Paraguay – die siehst du nie, du wirst nur immer den Patzer aus dem Endspiel sehen. Ich glaub“, das geht ihm bis heute nach.

    Wenn Sie für die kommende EM einen perfekten Torwart zusammenbasteln dürften, wie würde der aussehen?

    Der hätte die mentale Kraft von Kahn, das Können vom Neuer und meine Lockerheit, das wäre perfekt.

    Waren Sie denn immer so locker? Torhüter sind doch einem enormen Druck ausgesetzt. Gibt es keinen wiederkehrenden Albtraum? Patzer, die Sie verfolgen?

    Ich kann mich nur an einen Albtraum erinnern. 1966 mussten wir gegen Glasgow Rangers im Finale spielen.

    Im Europapokal der Pokalsieger.

    Ja. Da hat mich der Tschik Cajkovski dauernd hohe Flanken fangen lassen im Training. Und mir immer wieder eingebleut: ,Seppl, viel fange morgen, musst du rausgehen, gell, viel Flanke.“ Nachts hab ich dann geträumt, wie ich all diese Flanken fange. Ich pack“ den Ball, und das ganze Stadion tobt und johlt. Auf einmal wach ich auf und hab den Kopf meines Zimmernachbarn Hans Rigotti in den Händen. Der Hans hat mich verzweifelt angeschrien, ob ich ihn umbringen wolle, so hab ich an dessen Kopf rumgerüttelt. Ich hab mich natürlich bei ihm entschuldigt. Aber er hat ja eigentlich Glück gehabt, dass ich nicht im Traum einen weiten Abschlag gemacht hab.

    Gut, aber der Fehler ist im Bett passiert, nicht auf dem Spielfeld. Gibt es denn auch eine Spielsituation, bei der Sie bis heute denken: schrecklicher Patzer.

    Immer wenn ich Schuld hatte, habe ich gesagt: Das waren die anderen. Der ist nicht hingegangen. Oder der ist weggeblieben. Und dann habe ich eben Pech gehabt. Aber ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie.

    Okay, Sie waren damals nie schuld. Aber im Nachhinein – was war der größte Fehler Ihrer Karriere?

    Na gut. Einen weiß ich noch. Im Europacup-Spiel beim AC Mailand. Der Sormani stand bei meinen Abschlägen immer neben mir. Wenn ich geschossen habe, hat er den Fuß drübergehalten. Einmal habe ich den Ball am Sechzehnereck. Ich schlag ihn ab, Sormani hält den Fuß von oben drauf, ich schieß unter seine Sohle und der Ball hoppelt hinten ins Tor rein.

    Was macht man, wenn einem so ein Fehler passiert?

    Das war kein Fehler. Das war ein Foul. Und aus dem Foul ist ein Tor entstanden. Aber wenn mich da einer angesprochen hätte – dem wär ich an die Kehle gegangen. Nach dem Spiel wollte der Tschik irgendwas wegen des Sormani-Tores sagen, da habe ich die Kaffeekanne genommen und in die Wand reingefetzt. Der ganze Kaffee war an der Wand und alle Tassen runtergefallen. Da war dann Ruhe.

    Muss man als Torwart alle Fehler verdrängen?

    Nein. Du weißt ja, was los ist, und nach zwei, drei Tagen kannst du ganz normal darüber reden: Du Trainer, was meinst du denn. . . Der Olli war genau der Gleiche. Nach ein paar Tagen kam er immer kleinlaut an: Sepp was meinst du? Hätt“ ich doch weiter rechts stehen sollen?

    Müssen Torhüter mental stärker sein als die Feldspieler?

    Ja sicher. Die haben ja sonst nichts zu tun. Die können sich körperlich nicht abreagieren.

    Wenn man nur so rumsteht, ist es da nicht manchmal schwer, sich dauernd zu konzentrieren?

    Wenn es ein Bundesligaspiel war, bei dem es um nichts ging . . . Einmal in Köln hatten wir in der Abwehr nichts zu tun. Da sehe ich den Geißbock hinterm Tor. Er war allein, also habe ich ihn an der Leine genommen und am Netz angebunden.

    Moment, im Tor?

    Na sicher im Tor. Der hat dann friedlich hinter mir gegrast. Bis der Schiedsrichter gepfiffen hat. Das ganze Stadion hat gelacht.

    Der Torwart ist ja auch der erste Zuschauer beim Spiel.

    Was soll das denn heißen?

    Der spielt mit, schaut aber auch viel zu.

    Der Torwart ist doch kein Zuschauer! Der spielt mit. Geistig muss der die ganze Zeit mitspielen. Das ist ein geistiger Mitspieler.

    Gut, Sie als geistiger Mitspieler, würden Sie sagen, dass die deutsche Nationalmannschaft 1972 den schönsten Fußball ihrer Geschichte gespielt hat?

    So ein Schmarrn. Schauen Sie sich das doch mal auf Youtube an. Querpass, Netzer geht ein bisschen steil, Rückpass, rüber auf die andere Seite. Dieses ewige Geschiebe . . . Als ich das vor Kurzem mal angeschaut habe, war ich fassungslos. Ich dachte nur, wann fallen endlich die Tore.

    Wird also heute besserer Fußball gespielt?

    Das Spiel ist viel schneller. Die stehen kompakter und sind technisch viel besser. Du musst den Ball direkt spielen können, musst Beidfüßer sein und anschneiden. Das konnte damals einzig der Beckenbauer. Der Overath konnte nur mit links schießen, das rechte Bein hatte der nur, damit er beim Bierholen nicht umfällt.

    War die Mannschaft tatsächlich schlechter als die heutige?

    Man kann das nicht vergleichen. Bevor wir „74 Weltmeister wurden, haben wir uns als Vorbereitung das Finale von „54 angeschaut. Da konnten wir es auch nicht fassen und haben uns gefragt, was die da zusammenspielen.

    Hat es Sie geärgert, dass ,Sportfreunde Stiller“ über die WM-Titel gedichtet haben: ,Beim ersten Mal war“s ein Wunder, beim zweiten Mal war“s Glück“?

    Um Weltmeister zu werden, braucht man immer Glück. Die Holländer haben „74 eine bessere WM gespielt als wir. Die Deutschen waren nur gegen Schweden und Jugoslawien richtig gut. Und gegen Polen – na ja, da hatten sie den Maier im Tor. Gegen Holland waren wir ganz passabel.

    Es gibt Leute, die sagen, Sie alleine haben das Finale gewonnen.

    Dafür war ich ja da. Es gibt so Spiele, da gelingt dir einfach alles. Und dem Gegner nichts. Die hätten noch hundert Mal aufs Tor schießen können, er wäre nicht reingegangen. Wenn ich ihn nicht gehalten hätte, wäre er an den Pfosten gesprungen. Einmal hält der Neeskens freistehend aus acht Metern volley drauf. Und trifft meinen Oberschenkel. Da hatte ich drei Tage lang so einen Fußballstempel drauf.

    War das Ihr wichtigstes Finale? Sie haben ja von 13 Endspielen nur eines verloren.

    Gegen die Tschechen.

    Panenka hat Sie im Finale 1976 im Elfmeterschießen verladen.

    Ich war vor Kurzem in Prag, da haben mir mehrere Tschechen erzählt, der Panenka habe all seine Elfer immer so geschossen. Heute wüsste man das, da hätten wir zusammengeschnittene Videoaufnahmen von jedem einzelnen Spieler. Wir wussten damals nichts über die.

    Sie wussten ja nicht mal, dass es ein Elfmeterschießen geben würde.

    Als wir vom Warmmachen kamen, hieß es, die Uefa habe beschlossen, dass nach der Verlängerung das Spiel durch Elfmeterschießen entschieden werde. Bis dahin gab es, wenn es nach 120 Minuten unentschieden stand, ein Wiederholungsspiel zwei Tage später. Wir haben gesagt, uns doch wurscht, wir gewinnen sowieso. Tja. Als dann das Elfmeterschießen losging, sagte Schön: ,Na, meine Jungs, wer will jetzt einen schießen?“ Alle haben weggeguckt… schönes Stadion, oh, ein Flugzeug. Dann hat der Franz sich gemeldet und drei weitere Spieler bestimmt.

    Warum hat Schön das nicht festgelegt?

    Der war zu uns wie ein Vater. Aber für den Job war er viel zu empfindlich. Vor den wichtigen Spielen war der immer unauffindbar. Saß auf dem Klo, extrem nervöse Verdauung.

    Gut, zurück aufs Spielfeld: Was war denn nun mit dem fünften Schützen?

    Keiner wollte der fünfte Mann sein. Irgendwann hab ich mich selbst gemeldet, um zu schießen. Sagt der Franz: ,Du Depp gehst ins Tor und hältst.“ In dem Moment seh ich verschämt einen Finger hochgehen, und der Uli Hoeneß sagt mit Zitterstimme: ,Wenn du meinst, dann schieß den halt ich.“ Da wusste ich schon, es wird schwierig.

    Sie haben mit Ihren Tipps meist richtig gelegen. Als Torwarttrainer haben Sie immer nur dann eine Kamera mitgenommen, wenn Sie das Gefühl hatten, die Mannschaft reißt was. Würden Sie diesmal eine mitnehmen?

    Weiß ich nicht. Aber immer nur Dritter, Zweiter, ist doch langweilig. Wär wirklich mal wieder Zeit.

    Josef Dieter Maier, genannt Sepp, 68, machte nach dem Besuch der Volksschule in Haar eine Maschinenschlosserlehre. Seit 1958 spielte er im Tor für den FC Bayern München, mit dem er drei Mal den Europapokal der Landesmeister gewann. Mit der Nationalmannschaft wurde Maier 1972 Europameister und 1974 Weltmeister. Auch für seine Scherze wurde er berühmt: So versuchte er während eines Bundesligaspiels eine Ente, die auf dem Rasen gelandet war, per Hechtsprung zu fangen. Nach einem schweren Verkehrsunfall 1979 beendete Maier seine Karriere. Viele Jahre war er Torwarttrainer beim FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft. Er lebt in Anzing, wo er ein Tenniscenter betreibt.

  18. admin

    so krass, die bösen Schleckers
    Mein vermutlich erster Handelsblattartikel
    http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/aufstieg-und-fall-des-anton-schlecker-der-groessenwahnsinnige-koenig-von-ehingen/v_detail_tab_print/6698682.html

    und meine erste FORUM-MANAGER Sendung mit der Gegengestalt Götz Werner, dm-Gründer und Lichtbringer
    http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/diskussionen/495154

  19. admin

    Oliver Tepel
    Eigentlich ein interessanter Systemvergleich in Sachen Marktwirtschaft und ihrer Begriffsauslegung, sofern man denn Herrn Werner trauen kann. Als gutgäubiger Mensch bin ich sehr wohl geneigt, ihm zu trauen.

    Michaela Eichwald
    (als nicht gutgläubiger Mensch): Wenn das nicht stimmen würde mit seinem Menschenbild und was er daraus ableitet, hätte der eine oder andere der fast 40.000 Kollegen (besonders ehemalige) da sicher mal was zurechtgerückt. Ich sehe ihn wirklich als Vorbild und hoffe, das zeitigt seine Wirkung im richtig großen Stil. Schaut auf diesen Mann, deutsche Unternehmer, und lernt von ihm! Lerne, Deutschland, lerne von Götz Werner und Götz Aly!!

  20. admin

    Michaela Eichwald hat einen Link
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    Börnepreis für Götz Aly: Keine Angst vor Freiheit – FAZ.NET

    Michaela Eichwald
    Ich begrüße, daß Aly den Deutschen diesen Ärger macht, weiß aber nicht, ob das nicht auch Ausdruck [m]einer schlechten deutschen Schadenfreude ist. Weitere Resultate der Beleidigung der dumpfen deutschen, feigen, neidischen und gemeinen Mentalität auch unklar. Im günstigen Fall erzeugt der Ärger Selbstbefragung. Außer Frage scheint mir, daß die Millionen der eigentlich unpolitischen Deutschen den Nationalsozialismus ermöglicht und getragen haben, weil sie davon profitiert haben und daß es ihnen herzlich egal bis herzlich willkommen war, daß es auf Kosten anderer geschieht. Das ist aber eigentlich das Politik-Modell, das immer noch regiert. Oder nicht?

    http://www.schweizermonat.ch/artikel/einigkeit-und-recht-und-freiheit

    Oliver Tepel
    Ja, dieses Modell regiert immer noch und auch wir lassen es zu.

    Michaela Eichwald
    Ja. Trotzdem sage ich: gezwungenermaßen.

    Michaela Eichwald
    ?…und diese ganze schwere aufgezwungene, unaushaltbare, unauflösbare, ewig quälende Nazi-Kacke, die man gezwungenermaßen seinen ganzen langen Lebtag lang [als die VIEL SCHWERERE als die christliche Erbsünde, die Augustinus erfunden hat, weil REAL und NICHT ERFUNDEN UND KEIN MÄRCHEN] mit sich herumschleppen muß, hätte ich mir auch nicht unbedingt ausgesucht, wenn sie einen gefragt und es einem gesagt hätten. Vorher.

  21. forsthoff

    zu götz alys thesen und dem gespräch in schweizer zeitschrift.

    1 gegenbild

    Joseph Roth: Juden auf Wanderschaft

    Kein Ostjude geht freiwillig nach Berlin. Wer in aller Welt kommt freiwillig nach Berlin?

    Berlin ist eine Durchgangsstation, in der man aus zwingenden Gründen länger verweilt. Berlin hat kein Getto. Es hat ein jüdisches Viertel. Hierher kommen die Emigranten, die über Hamburg und Amsterdam nach Amerika wollen. Hier bleiben sie oft stecken. Sie haben nicht genug Geld. Oder ihre Papiere sind nicht in Ordnung.

    (Freilich: die Papiere! Ein halbes jüdisches Leben verstreicht in zwecklosem Kampf gegen Papiere.)

    Die Ostjuden, die nach Berlin kommen, haben oft ein Durchreisevisum, das sie berechtigt, zwei bis drei Tage in Deutschland zu bleiben. Es sind schon manche, die nur ein Durchreisevisum hatten, zwei bis drei Jahre in Berlin geblieben.

    Von den alteingesessenen Berliner Ostjuden sind die meisten noch vor dem Kriege gekommen. Verwandte sind ihnen nachgereist. Flüchtlinge aus den okkupierten Gebieten kamen nach Berlin. Juden, die in Rußland, in der Ukraine, in Polen, in Litauen der deutschen Okkupationsarmee Dienste geleistet hatten, mußten mit der deutschen Armee nach Deutschland. […]

    In Berlin kann auch ein Hausierer Karriere machen. Er wird sich schneller assimilieren als seine Standesgenossen in Wien. Berlin gleicht die Verschiedenen aus und ertötet Eigenheiten. Deshalb gibt es kein großes Berliner Getto.

    Es gibt nur ein paar kleine Judenstraßen, in der Nähe der Warschauer Brücke und im Scheunenviertel. Die jüdischste aller Berliner Straßen ist die traurige Hirtenstraße.

    So traurig ist keine Straße der Welt. Die Hirtenstraße hat nicht einmal die hoffnungslose Freudigkeit eines vegetativen Schmutzes.

    Die Hirtenstraße ist eine Berliner Straße, gemildert durch ostjüdische Einwohner, aber nicht verändert. Keine Straßenbahn durchfährt sie. Kein Autobus. Selten ein Automobil. Immer Lastwagen, Karren, die Plebejer unter den Fahrzeugen. Kleine Gasthäuser stecken in den Mauern. Man geht auf Stufen zu ihnen empor. Auf schmalen, unsauberen, ausgetretenen Stufen. Sie gleichen dem Negativ ausgetretener Absätze. In offenen Hausfluren liegt Unrat. Auch gesammelter, eingekaufter Unrat. Unrat als Handelsobjekt. Altes Zeitungspapier. Zerrissene Strümpfe. Alleinstehende Sohlen. Schnürsenkel. Schürzenbänder. Die Hirtenstraße ist langweilig vororthaft. Sie hat nicht den Charakter einer Kleinstadtstraße. Sie ist neu, billig, schon verbraucht, Schundware. Eine Gasse aus einem Warenhaus. Aus einem billigen Warenhaus. Sie hat einige blinde Schaufenster. Jüdisches Gebäck, Mohn
    beugel, Semmeln, schwarze Brote liegen in den Schaufenstern. Ein Ölkännchen, Fliegenpapier, schwitzendes.

    Außerdem gibt es da jüdische Talmudschulen und Bethäuser. Man sieht hebräische Buchstaben. Sie stehen fremd an diesen Mauern. Man sieht hinter halbblinden Fenstern Bücherrücken.

    Man sieht Juden mit dem Talles unterm Arm. Sie gehen aus dem Bethaus Geschäften entgegen. Man sieht kranke Kinder, alte Frauen.

    Der Versuch, diese Berliner langweilige, so gut wie möglich saubergehaltene Straße in ein Getto umzuwandeln, ist immer wieder stark. Immer wieder ist Berlin stärker. Die Einwohner kämpfen einen vergeblichen Kampf. Sie wollen sich breitmachen! Berlin drückt sie zusammen.

    Ich trete in eine der kleinen Schankwirtschaften. Im Hinterzimmer sitzen ein paar Gäste und warten auf das Mittagessen. Sie tragen die Hüte auf dem Kopf. Die Wirtin steht zwischen Küche und Gaststube. Hinter dem Ladentisch steht der Mann. Er hat einen Bart aus rotem Zwirn. Er ist furchtsam.

    Wie sollte er nicht furchtsam sein! Kommt nicht die Polizei in diesen Laden? War sie nicht schon einige Male da! Der Schankwirt reicht mir auf jeden Fall die Hand. Und auf jeden Fall sagt er: »Oh, das ist ein Gast! Sie sind schon so lange nicht dagewesen!« Niemals schadet eine herzliche Begrüßung.

    Man trinkt das Nationalgetränk der Juden: Met. Das ist der Alkohol, an dem sie sich berauschen können. Sie lieben den schweren, dunkelbraunen Met, er ist süß, herb und kräftig. […]

    Das Kabarett fand ich zufällig, während ich an einem hellen Abend durch die dunklen Straßen wanderte, durch die Fensterscheiben kleiner Bethäuser blickte, die nichts anderes waren als simple Verkaufsläden bei Tag und Gotteshäuser des Morgens und des Abends. So nahe sind den Juden des Ostens Erwerb und Himmel; sie brauchen für ihren Gottesdienst nichts als zehn erwachsene, das heißt über dreizehn Jahre alte Glaubensgenossen, einen Vorbeter und die Kenntnis der geographischen Lage, um zu wissen, wo Osten ist, der Misrach, die Gegend des Heiligen Landes, der Orient, aus dem das Licht kommen soll.

    In dieser Gegend wird alles improvisiert: der Tempel durch die Zusammenkunft, der Handel durch das Stehenbleiben in der Straßenmitte. Es ist immer noch der Auszug aus Ägypten, der schon Jahrtausende anhält. Man muß immer auf dem Sprung sein, alles mit sich führen, das Brot und eine Zwiebel in der Tasche, in der anderen die Gebetriemen. Wer weiß, ob man in der nächsten Stunde nicht schon wieder wandern muß.

    aus: Joseph Roth: Juden auf Wanderschaft. Köln 1985, S. 47-51.

  22. admin

    Meine Gebetriemen

    _________________________

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    Stand: 05.06.2012, 14.10 Uhr

    Spiegel-online

  23. admin

    hey, super: durch meine Straße geht nie jemand, den ich kenne, nie, und gerade ging der Jochen Distelmeyer hier her! Da dachte ich: der Jochen Distelmeyer! und freute mich.

  24. admin

    Danach passierte wieder 3 1/2 Jahre gar nichts.

  25. alleine irren

    heheheheh ich irre sehr häufig alleine durch diese straße, tatsache.

  26. admin

    Venus- Transit

    Nächster im Jahre 2117

  27. admin

    aber vielleicht bist du sehr schnell, daß ich dich nicht sehen kann, a i ? – Distelmeyer war zu Fuß und ich am Fahrrad, das ging.

  28. admin

  29. admin

    sick

  30. admin

    Hurra, die Zulas sind da!

  31. admin

    Merlin Carpenter at Reena Spaulings

    Merlin Carpenter at Reena Spaulings

    Welcome to the Tate Café

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  32. admin

  33. admin

    „Bergson war ein Meister in der schwierigen Kunst, mit solchen Mitteln über das, worüber man nicht reden kann, dennoch nicht zu schweigen. Dann hatte er jedoch das Pech, für seine eindringliche Suche nach der verlorenen Zeit 1927 den Nobelpreis für Literatur zu erhalten. Besser kann der Ruf eines Philosophen nicht ruiniert werden.“

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