Archiv gibts keins

Die Zukunft der Malerei.

9.7.21
Gespräche: andere darüber zu informieren wie man arbeitet, könnte textlich ganz schön schlicht ausfallen.

Es gab im Rahmen der Walker Art Ausstellung von Pavel diese (mich selber auch interessierenden) Fragen, die ich alle 2, 3 Stunden wahrscheinlich anders beantworten würde.
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You came to visual art through studying philosophy, history, art history, and German philology: how do you think your studies influenced your work as an artist? 

How does a work start for you? Is there a typical process that leads towards a painting? Do you work on many simultaneously?  
Kein typischer Prozeß, oder: erstmal etwas machen, damit was da ist (von dem man sich absetzen kann).
Meistens an mehreren gleichzeitig.

How do you know that a painting finished? 
Das Bild teilt von sich aus mit, daß es eventuell fertig ist.
Wenn es nach der Fertigstellung noch länger offen herumhängt und nicht wegtransportiert wird, geht es möglicherweise, wahrscheinlicherweise, wieder über in den Status des Unfertigen. – Ich halte aber eine solche Aussage fast für banal oder trivial, weil ich denke, das geht quasi allen so. Allen Bildern und allen, die an Bildern arbeiten. Das muß man gar nicht extra erwähnen.

Your sculptures consist of objects trapped in accidental arrangements, frozen by resin. What role does chance play in your work? 

Your paintings occasionally show snippets of text or suggestions of figurative elements, yet overall they consistently veer towards abstraction. What does abstraction mean to you, what does it offer? 

In an interview with Diedrich Diedrichsen, Albert Oehlen advocated for the possibility that abstract painting existing beyond the need for interpretative frameworks or an artist’s recognizable trademark or style: ‚my concern, my project, is to produce an autonomy of the painting, so that each work no longer needs that kind of legitimizing framework‘. What is your hope for painting beyond the limits of language, context, style? 

In a 2016 interview with Pablo Larios you reflect on the issue of cui bono or ‚who benefits?‘ in regards to art, painting, and life. How you do think about those issues today, in 2020? 

I believe that art is a form of enquiry and speculation: a means to ask questions and present problems, rather than provide answers. What questions are you interested in raising through your work? 

What makes a great painting? 
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Dann also lassen, oder: ob man das irgendwie vielleicht mit abbilden könnte.
Aber die Hauptfrage bleibt, warum denn für wen denn.
Vor allem, wenn man selber keine Kunstmagazine liest! und zwar wirklich keins. Weil gleicher Effekt wie Beauty-Magazine. Nur schlechte Laune. Unverständnis. Abscheu, Verzweiflung, Todessehnsucht.

Man bräuchte andere Formen und Formate und weiterhin: Gründe.

4 Reaktionen zu “Archiv gibts keins”

  1. admin

    Streit ums Politische: »Das Ende der Kunst«
    Heinz Bude im Gespräch mit Juliane Rebentisch
    https://youtu.be/m2mUn2eKHjs

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    Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?
    https://www.ardaudiothek.de/cui-bono-wtf-happened-to-ken-jebsen/89991466

  2. admin

    15. Juli 2021
    Aus Heft 28/2021
    Literatur

    »Wenn das Casino schließt, bin ich oft der letzte Gast«
    Der Schriftsteller Heinz Strunk spricht im großen Interview über seine Spielsucht, seinen verhängnisvollsten Joint und die Entdeckung des »mutmaßlich widerlichsten Wortes der Welt«.

    Interview: Sven Michaelsen
    Fotos: Jewgeni Roppel

    Melancholie als Lebensmelodie: Heinz Strunk im Hamburger Hafen.

    1992 gab sich Mathias Halfpape den ihm zufolge »maximal doofen Metzgernamen« Heinz Strunk.

    SZ-Magazin: Was wissen Sie über Ihren Vater?

    Heinz Strunk: Er war Historiker und hatte mit seiner Frau fünf Kinder. Ich habe ihn in meinem Leben vielleicht zehn Mal getroffen, das erste Mal mit 15. Nach seinem Tod kam raus, dass er in der SS war.

    Wer hat die erste Begegnung eingefädelt?

    Ich vermute, meine Mutter. Ich war gar nicht so wahnsinnig scharf darauf, weil ich den Vater nie vermisst habe. Er war auf Vortragsreise in Bad Salzuflen und holte mich vom Bahnhof ab. Weil er natürlich einen guten Eindruck machen wollte, saßen wir rauchend in seinem Hotelzimmer und tranken Bier. Das fand ich mit 15 sehr aufregend, weil mir das zu Hause nicht gestattet war. Ich fand, das war ein Toptyp.

    Sie sind als Einzelkind bei Ihrer Mutter groß geworden, einer FAZ lesenden Privatlehrerin für Klavier und Blockflöte, die Sie vor jeder Mahlzeit zum lieben Gott beten ließ.

    Sie war schon 31, als sie aus ihrem Elternhaus auszog. Dass sie kurz darauf schwanger wurde, war das Unglück ihres Lebens. Es gab damals einen populären Film, dessen Titel ihre Lage beschreibt: Sie tanzte nur einen Sommer. Nach meiner Geburt zog sie zu ihren Eltern zurück, weil sie es sich nicht zutraute, allein mit einem unehelichen Kind zu leben. Ihr Vater nahm den Umstand, dass seine unverheiratete Tochter ein Kind empfängt, zum Anlass, aus dem Kirchenvorstand zurückzutreten. Eine größere Schande konnte er sich nur schwer vorstellen.

    Ihre Mutter hatte zeitlebens nie einen Partner. Warum?

    Sie war ein nach oben orientiertes Bildungsbürgermuttchen, das Herbert von Karajan bewunderte und darauf spekulierte, mit einem Professor oder Oberarzt zusammenzukommen. Was sich in ihrem Umfeld in Hamburg-Harburg auftat, hat ihr nicht genügt.

    Zwei Jahre nach Ihrer Geburt wurde sie in die Psychiatrie eingeliefert und mit Elektroschocks behandelt.

    Sie hat mehrfach versucht, mich abzutreiben, mit Hausmethoden wie vom Stuhl springen. Vielleicht hatten ihre schweren Depressionen anfangs damit zu tun, dass sie sich als Kindsmörderin sah. Als ich zwölf war, fragte sie mich, ob ich ihr alles verzeihen würde, was sie mir angetan hat. Ich habe die Frage mit Ja beantwortet, nicht genau wissend, was Sache ist. Im Laufe der Jahre wandelte sich ihre manisch-depressive Erkrankung in eine schizoaffektive Psychose. Sie war dann temporär vollkommen verrückt und fragte mich, ob ich eigentlich ein Mensch sei oder der Satan. Aus Angst, sie könnte mir im Schlaf etwas antun, schloss ich mich nachts in mein Zimmer ein. Sie lebte zeitweise in einem geschlossenen Wahnsystem mit immer neuen Halluzinationen. Einmal erzählte sie, nachts würden Haie um ihr Bett schwimmen und nach ihr schnappen. Wenn sie mal wieder für ein halbes Jahr in der Psychiatrie in Ochsenzoll war, sind wir immer gegenüber im Café Torte essen gegangen, sie bis oben hin voll mit Psychopharmaka, wirklich zombiesk.

    (1992 gab sich Mathias Halfpape den ihm zufolge »maximal doofen Metzgernamen« Heinz Strunk.)

    Mit 18 gerieten Sie selbst in eine Psychose, ausgelöst durch Cannabis.

    Rückblickend war das die Zäsur meines Lebens. Meine Freunde kifften alle und erzählten von ihren beeindruckenden psychedelischen Erlebnissen. Ich konnte nicht mitreden, weil die Joints bei mir einfach nicht anschlugen. Aus Frust löste ich einen Riesenbobbel Haschisch in einer Thermoskanne mit sehr starkem Kaffee auf und quälte mir die abscheulich schmeckende Plörre rein. Da kam es mit Macht über mich. Ich war zwölf Stunden lang akut verrückt und hatte Erstickungsanfälle und Todesängste. Erst nach Monaten besserte sich mein Zustand. Mein Riesenfehler war, ein Jahr später an einem schönen Sommerabend an einem angebotenen Joint zu ziehen. Das hat mich so nachhaltig beschädigt, dass ich weder studierfähig war noch in der Lage, so was wie eine Ausbildung anzugehen. Bis Mitte 20 ging es ausschließlich darum, irgendwie den Tag zu überleben. Manchmal kam ich vor heller Angst nicht aus dem Bett raus und betete zwei Stunden lang mit der naiven Vorstellung, der liebe Gott wird schon irgendwie reagieren. Suizid war ein durchgehender Gedanke, in meinem Fall der klassische preußische Offizierstod: Pistole an die Schläfe und abdrücken. Das waren die schlimmsten Jahre meines Lebens.

    Sie lebten von Sozialhilfe, hatten Depressionen und standen nicht vor Mittag auf. Beim Blick in den Spiegel blutete Ihr Selbstwertgefühl, weil Sie bis 26 unter schwerer Akne litten. Dann sprang auch noch Ihre Mutter aus dem Fenster, weil sie ihr Leben nicht mehr ertrug.

    Aus dem dritten Stock, ein Wunder, dass sie überlebt hat. Allerdings war sie mehr tot als lebend, alles gebrochen, was man sich brechen kann. In ihren letzten vier Jahren habe ich sie zu mir geholt. Sie konnte das Bett nicht mehr verlassen, Katheter, dreimal täglich Betreuung durch einen ambulanten Pflegedienst, das volle Programm. 1998 ist sie nach einem Darmverschluss an einer Lungenentzündung gestorben – ein typischer Tod von Menschen, die lange bettlägerig sind. Da war ich 36. Zufällig hatte ich an dem Tag einen Auftritt in Köln bei der Sat.1-Wochenshow. Der einzige Mensch, der ihr etwas bedeutete, war also in der Stunde ihres Todes nicht bei ihr. Ein populärer Schlager heißt Über sieben Brücken musst du gehn. Sehr viele Menschen, zu ihnen zählte auch meine Mutter, hätten auch über 700 Brücken latschen können, ohne dass am Ende ein heller Schein auf sie gewartet hätte. Das Leben ein einziges Höllenabwärts. Wenn ich eines gelernt habe: Schicksalsgerechtigkeit gibt es ebenso wenig wie einen lieben Gott.

    In Ihrem neuen Roman Es ist immer so schön mit dir erzählen Sie die Liebesgeschichte eines Tontechnikers mit einer Schauspielerin. Nach 20 Monaten zwischen manischer Aufgedrehtheit und abgrundtiefer Depression trennen sich die beiden.

    Der Mann quält sich mit dem Unbehagen rum, ständig etwas falsch zu machen und neben sich zu stehen. Jeder Satz dumm, jeder Schritt ein Fehltritt, in keinem Augenblick ist er er selbst. Die beiden ertrinken in einem Meer von Missverständnissen, ohne dass die Schuldfrage zu klären ist, und werden zu paranoiden Hysterikern, die bei jeder unbedeutenden Kleinigkeit sofort den Weltuntergang wittern. Am Ende sind sie sich auf kranke Art ähnlich geworden, verschmolzen im Unglück. Sie können nicht anders, als sich gegenseitig runterzuziehen.

    Ihr Buch liest sich wie ein Manifest fürs Alleinleben.

    Für das Modell Familie bin ich offensichtlich nicht geeignet. Von Fragen à la »Schatz, wie war dein Tag?« bin ich daher verschont geblieben.

    Hatten Sie je den Wunsch, Vater zu werden?

    Nein, ich sehe bei anderen diesen unendlichen Aufwand, dessen es bedarf, ein Kind vernünftig großzuziehen. Dieser Aufgabe fühlte ich mich nicht gewachsen. Mit 59 würde ich jetzt als sogenannter Spätzeuger gelten, in einer Riege mit Bernie Ecclestone, Fritz Wepper und Donald Trump. Der Refrain meines Songs Alter Vater lautet: »Alter Vater, Arsch mit Ohren / Geh nach Hause, leg dich hin / Alter Vater, schlechte Gene / Mach ’n Abgang, hör auf zu spinnen.«

    Mit Ihrem Debütroman Fleisch ist mein Gemüse gelang Ihnen 2004 ein spektakulärer Bestseller. Hat der Erfolg Ihre Seelenverfassung geändert?

    Meine Erfahrung: 500.000 verkaufte Bücher machen vielleicht für eine kurze Weile glücklich, aber nicht auf Dauer. Jeder Mensch hat einen Was-wäre-wenn-Traum. Hätten Sie mir vor 2004 einen Bestseller-Erfolg prophezeit, hätte ich gesagt, ab dann ist in meinem Leben alles paletti. Ist aber nicht so. Ich glaube, jeder Mensch wird mit einer bestimmten Fähigkeit zum Glück geboren, die unveränderbar ist. Wer Millionen im Lotto gewinnt oder bei einem Unfall ein Bein verliert, ist nach einem Jahr so glücklich oder unglücklich wie zuvor. Bei Botho Strauß gibt es den Satz: »Der Mensch kommt fertig gestimmt zur Welt.«

    Ihr Fleiß als Schriftsteller, Musiker, Humorist, Hörspielproduzent und Schauspieler ist beängstigend. Kann man Depressionen mit Arbeit betäuben?

    Ja, geht, ist aber extrem ambivalent. Ich wünschte mir, ich hätte in meinem Leben etwas weniger gemacht und wäre dafür ein bisschen fröhlicher. Wenn ich morgens aufwache, geht es mir grundsätzlich erst mal nicht besonders gut. Ich muss mich in den Tag immer erst reinkämpfen.

    Woher nahmen Sie das Selbstbewusstsein, mit 42 als Schriftsteller zu debütieren?

    Meine berufliche Laufbahn zeichnete sich bis dahin durch eine unablässige Folge von Rohrkrepierern aus. Meine damalige Freundin sagte mit einer Mischung aus wohlwollender Sorge und Mitleid, ich könne doch ganz gut mit Sprache umgehen, ob ich nicht mal ein Buch schreiben wolle, statt in Depression und Alkoholismus zu versinken. Auf die Idee war ich nie gekommen.

    Ihr Erstling ist bis heute ihr meistverkauftes Buch. Kränkt Sie das?

    Das Buch hängt an mir wie Fiesta Mexicana an Rex Gildo, aber nach 20 Jahren vollständiger Erfolglosigkeit empfand ich es als Glücksfall. Anfangs fürchtete ich, es würde mir so gehen wie Patrick Süskind oder Benjamin Lebert: ein Riesenwurf, und dann kommt nicht mehr viel. Die stehen ja auch morgens auf und haben 16 Stunden zur freien Verfügung. Was macht man mit dieser Zeit?

    Ist es eine Erlösung, wenn man eine Lebensgeschichte wie die Ihre in autobiografische Romane verwandelt?

    Schreiben als Selbsttherapie? Ich halte es für ein frommes, leider unausrottbares Märchen, dass es möglich sein soll, sich Probleme von der Seele zu schreiben. Aber immerhin liegt eine gewisse Befriedigung darin, dass die bleiernen Jahre wenigstens zu etwas gut waren.

    Der zweite Wendepunkt Ihres Lebens war Ihr 2016 erschienener Roman Der goldene Handschuh über den vierfachen Frauenmörder Fritz Honka. Plötzlich lobpreiste Sie auch das gehobene Feuilleton.

    Ich hatte mich bis dahin nahezu ausschließlich aus meinem biografischen Fundus bedient, und weil der irgendwann auserzählt war, musste ich mich nach fiktionalen Inhalten umsehen. Ich war 2009 zum ersten Mal im »Goldenen Handschuh«, einer 24 Stunden geöffneten Absturzkneipe in St. Pauli, in der Honka seine Opfer suchte. Es dauerte aber noch eine Weile, bis ich auf die Idee kam, die Geschichte Honkas mit der vom »Goldenen Handschuh« zu verknüpfen. Ich habe dann einen Rechercheantrag beim Staatsarchiv gestellt und 18 Ordner mit Gerichtsakten durchgearbeitet. Es mag für den Leser unwichtig sein, aber für mich war es ein schönes Gefühl zu wissen, dass das Fichtennadelspray, mit dem Honka den Leichengeruch in seiner Wohnung übertünchte, »Patrizia« hieß.

    »Die meisten Männer, mit denen ich gesprochen habe, empfinden die Libido als dauerhaften und oftmals entwürdigenden Druck.«

    Sie sollen vom Goldenen Handschuh 18 Fassungen geschrieben haben.

    Dass ich von meinen Büchern so viele Fassungen schreibe, ist der Wille, genau und realistisch zu sein. Ich sitze oft mit Stift und Block vorm Fernseher und notiere unfreiwilligen Humor. Eine zuverlässige Fundgrube sind Die Wollnys. Von Silvia Wollny habe ich Hunderte Formulierungen gesammelt wie: »Jetzt ist es aber mal gut, gebt euch die Hand und dann Schwamm weg.« Als ihr Mann ein Bier trinken geht, schimpft sie: »Jetzt sitze ich hier allein zu Haus, und er haut sich die Falten aus dem Sack.« Oder: »Ich dreh (…) am Kabel, ich könnte literweise Wandfarbe saufen.« Diese Formulierungen wären geeignet, der alimentierten deutschen Berufsschriftstellerkaste etwas Leben einzuhauchen. Ein Quell der Freude sind auch die Idiotien sogenannter Motivationstrainer. Von Bodo Schäfer habe ich gerade den Satz aufgeschnappt: »Ich habe heute Morgen zwei Geschenke aufgemacht – es waren meine Augen.« Das ist doch unerreicht.

    Bei Ihnen liest man die Wortschöpfung »Analtunke«. Aufgeschnappt?

    Nein, auf der langwierigen Suche nach dem mutmaßlich widerlichsten Wort der Welt bin ich irgendwann auf Analtunke gekommen. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Wer mir vorwirft, ich würde die Welt in übertrieben düsteren Farben malen, den lade ich ein, sich mal einen ganzen Tag lang auf einer deutschen Autobahnraststätte aufzuhalten. Ein Ort echten, zutiefst deutschen Grauens.

    In Ihren Romanen sind die Männer extrem triebhaft und empfinden ihre Sexualität oft als entsetzliche Qual.

    Der Mensch windet sich unter dem Feuer, das unablässig seine Lenden leckt. Luis Buñuel sagte im Alter, er hätte erst dann ein menschenwürdiges Leben führen können, als er von der Libido befreit war. Die meisten Männer, mit denen ich gesprochen habe, empfinden die Libido als dauerhaften und oftmals entwürdigenden Druck. Sie wären diese Last gerne öfter mal los.

    Stimmt es, dass Sie eine Liste führen mit allen Büchern, die Sie seit 2006 gelesen haben, und alle paar Monate Ihre aktuellen 50 Lieblingsromane und Tagebücher küren?

    Ja, einen privaten Kanon sollte jeder an Literatur Interessierte für sich anlegen. Bei mir ist gerade Elfriede Jelineks dann doch eher schwacher Roman Lust rausgeflogen und durch William Faulkners Licht im August ersetzt worden. Meine ewige Nummer eins ist J.?M. Coetzee mit Schande. Es folgen derzeit John Cheever, Richard Ford, Denis Johnson, Philip Roth, alles von Franz Kafka, Charles Bukowski, Cormac McCarthy und, bedingt, Michel Houellebecq. Eins-a-Plotter, aber eher mittelmäßiger Stilist.

    Heinz Strunk

    Strunk wurde vor 59 Jahren in Hamburg geboren. Um den Hals trägt er eine goldene Uzi-Maschinenpistole.

    Tiffany’s hieß die Tanzmusikband, in der Strunk zwo?lf Jahre lang der, wie er sagt, »linkische Spacken am Saxophon« war.

    Aufstand der dünnen Hipstera?rmchen heißt das Musikalbum, das Strunk 2019 veröffentlichte.

    Auf Ihrem Klingelschild stehen zwei Namen: Heinz Strunk und Mathias Halfpape.

    Für meine erste CD habe ich mir 1992 den maximal doofen Metzgernamen Heinz Strunk ausgesucht, weil ich die unendliche Klanglosigkeit passend fand. Heute wäre ich lieber der andere auf dem Klingelschild. Klingt tausend Mal besser, wenn es um Literatur geht.

    Sagt noch jemand Mathias zu Ihnen?

    Nur ein paar ganz alte Seilschaften, denen ich die Namensänderung nicht mehr zumuten möchte.

    Warum dann das Klingelschild?

    Post von Ämtern und Behörden. Meinen Künstlernamen beim Einwohnermeldeamt registrieren zu lassen, ist mir zu affig.

    Auf Pressefotos tragen Sie meistens maßgeschneiderte Retro-Anzüge des Hamburger Labels Herr von Eden, eine goldene »Rolex Day-Date« und eine getönte Brille wie aus einem Siebzigerjahre-Porno.

    Bei der Tanzband Tiffany’s war ich zwölf Jahre lang der linkische Spacken am Saxophon aus Hamburg-Harburg. Das Kokettieren mit diesem etwas halbseidenen Luden-Revival-Look hat sich dann im Laufe der Jahre entwickelt. Auch in puncto Style hat es bei mir eben etwas länger gebraucht. Ein Schriftsteller muss doch nicht zwangsläufig so aussehen, wie deutsche Schriftsteller gemeinhin aussehen. In dem Zusammenhang ein hervorragender Satz von Karen Duve: »Ein Schriftsteller ist einer, der nicht scheißen kann, weil er den ganzen Tag vor seiner Schreibmaschine sitzt und sich nicht von der Stelle rührt. Aber statt dass er nun aufsteht und ein paar Runden um den Block läuft, bleibt er sitzen und schreibt darüber, dass er nicht scheißen kann.«

    Wann haben Sie angefangen, sich Tattoos stechen zu lassen?

    2009 habe ich mir zwei jämmerliche Tattoos überstechen lassen, die nach RTL?ZWEI aussahen: ein kleines Herz mit Banderole und das Yin-Yang-Zeichen. Als der Tätowierer fertig war, entstand dieser eigentümliche Sog, es sollte weitergehen. Wir haben uns dann auf eine inhaltliche Linie geeinigt: maritime Motive, old school, Seepferdchen, eine Nixe, ein Segelschiff, so was.

    Kommen noch neue Tattoos hinzu?

    Nein, ich bin durch. Allerdings, ein Freund von mir hat zwei Erdmännchen auf den Waden. Das wäre eine Idee für ein Alterswerk.

    Sie fasten seit 30 Jahren regelmäßig. Ihr Rekord liegt bei 35 Tagen am Stück.

    Karl Lagerfeld ist insofern ein Vorbild für mich, als dass er auf die Frage, was ihm im Leben wichtig sei, antwortete, er möchte bis ans Ende seiner Tage die Konfektionsgröße nicht mehr wechseln. Einar Schleef hat etwas Ähnliches gesagt: Um Inspiration müsse er nicht kämpfen, sondern darum, dass die Speckrolle am Bauch nicht noch weiter wächst. Der zweite Grund für mein Fasten ist, dass ich immer wieder Alkoholpausen brauche.

    »Ich habe die Spielsucht halbwegs im Griff«

    Als Sie nach Ihrer großen Leidenschaft gefragt wurden, antworteten Sie: »Automatenspiel. Ich bin begeisterter Casinobesucher. Dazu Wodka, Bier und Wasabinüsse. Inbegriff von großem Glück.«

    Es gibt das gesellige Glücksspiel wie Roulette oder Black Jack. Habe ich alles probiert, nicht mein Ding. Bei mir ist es diese konzentrierte Zwiesprache mit dem Automaten. Dass man eben genau nicht mit anderen Leuten redet, sondern allein für sich sitzt und einen Kampf mit dem Daddelautomaten ausficht, der ganz oft mit Verzweiflung zu tun hat, weil man ja leider meistens verliert. Wenn das Casino morgens um vier schließt, bin ich oft der letzte Gast und muss mich bemühen, nicht so sehr zu schwanken, dass die Angestellten mir unter die Arme greifen oder gleich einen Krankenwagen rufen. Die wissen in der Regel ja, wer ich bin, und haben eh schon den nicht gerade schmeichelhaften Eindruck von einem, dessen Glück offenbar darin besteht, acht Stunden lang vor einem Scheißautomaten zu sitzen.

    Ihr höchster Gewinn?

    Um die 1500 Euro, höchster Verlust 3000. Es ist halt eine Sucht, die ich, so viel darf ich nach 40 Jahren Spielerkarriere behaupten, halbwegs im Griff habe. Nach hohen Verlusten verordne ich mir immer mindestens sechs Wochen Spielpause.

    Das Thema Alkohol durchzieht jedes Ihrer Bücher. Trinken Sie, um depressive Schübe zu betäuben?

    Der Moment, wo die Nüchternheit des Tages dem herrlichen ersten Alkohol-Glimmer weicht, ist unerreicht. Ich brauche das stumpfe Vor-sich-hin-Dämmern, um das andere Extrem zu ertragen: das gestochen Scharfe des Schreibens. Die Vorstellung, abends noch Thomas Mann zu lesen, ist vollkommen absurd. Ich trinke auch wahnsinnig gern allein, weil ich Suffgespräche als ebenso anstrengend wie sinnlos erachte. Abends auf meiner Dachterrasse auf die beleuchteten Kräne im Hafen zu schauen und dabei eiskalten Aquavit hinter die Binde zu kippen, das ist wirklich fantastisch.

    Was war Ihr schlimmster alkoholbedingter Aussetzer?

    Das für mich Peinlichste war, dass ich einmal »mir« und »mich« verwechselt habe.

    Wenn Sie von Suizidgedanken betroffen sind, kontaktieren Sie die Telefonseelsorge (telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beraterinnen und Beratern, die schon oft Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

    Sven Michaelsen

    traf Heinz Strunk in dessen Dachwohnung in Hamburg-Altona, wo Michaelsen zwei Dinge ins Auge fielen: ein Sonnenbrillenständer wie aus einem Optikergeschäft und ein Uhrenbeweger, über den Strunk sagt: »Ich freu mich verrückterweise immer, wenn ich den sehe.«

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    30.7.

    https://fenster-auf-kipp.podigee.io/52-heinz-strunk-liest-kaptitel-01-aus-es-ist-immer-so-schon-mit-dir

  3. admin

    You sent Today at 13:00

    https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/moritz-bassler-im-gespraech-ueber-gegenwartsliteratur-17428367.html?premium

    You sent Today at 13:07

    Komm! ins Offene, Freund!
    (Hölderlin)

    Arbeitsstitel für den Studentenbrief (premium)
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    https://pop-zeitschrift.de/2021/06/28/der-neue-midcultautorvon-moritz-bassler-autordatum28-6-2021-datum/

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    via S.
    https://blog.kulturwissenschaften.de/ankundigungstext-zu-moritz-basler-und-florian-kessler-uber-der-neue-midcult/

    Liebe Sonni,

    hatte schon überlegt, Dir den Baßler Ursprungstext zu schicken aus der unsympathischen Pop-Zeitschrift. An dem ich schon 5 Tage lese. Dachte dann, du kennst das alles bestimmt längst.

    Es interessiert mich als Problem sehr.
    Gebe Baßler tendenziell recht. – Aber was heißt das, wenn im Grunde nichts von dem Zitierten gelesen wurde? Nicht mal Anke Stelling, höchstens Interviews.
    Interessiere mich für Probleme, aber praktisch nicht für erzählende Literatur.

    Gruß vom Lidl Parkplatz
    bald mehr

    P.S. Meine Mutter, die früher nie gelesen hat (höchstens Heftchen, Western!), liest jetzt Juli Zeh („Über Menschen“) und sagt, sie schreibe genau so, wie es ist. Also, wie sie sich vorstelle, daß es ist.

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    Unterstellte Leseschaften

    Gelesen werden

    https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00074372/Knipphals_Gelesen_werden.pdf

  4. admin

    elastische Behandlung

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