2 Jahre

erfolglose Pottfischerei

(in Erman­gelung ei­ner ge­brauchstüchtigen Seekarte)

 

 

Auf See. Ein großartiger Kerl, so gottlos wie ein Gott war ich und stand von früh bis spät mit we­henden Haaren so hart in Luv des at­lantischen Mee­res, daß ich darüber mit zuge­kniffenem Auge nicht mehr recht sah, was sich auf dem Ozean herumtrieb, eßbar oder nicht, mich aber dennoch übermütig verstieg zu aller­hand plumpen Kühnhei­ten und mir schwor: lie­ber schwimm ich nackend im haiestarrend­sten, arglistigsten Meer, als mein gut Geschäft zu machen. Und ganz richtig, so ist es gekommen. Jedoch es nützte mir wenig, da ich tat­sächlich keins machte, die Auslagen nicht hereinbekam und meine liebe Frau, die mich mit großen Augen er­war­tungsvoll anblickte in der Vor­freude, was ich ihr wohl von mei­ner lan­gen Reise Schönes mitgebracht hätte, maßlos ent­täuschte.

Es nützte mir auch die spätere Gewißheit wenig, daß da gar nichts war, so scharf das Auge auch einge­stellt sein mag, das ich dort draußen, in den allzuoft la­schen Wellen des Indischen Oceans, in dem ich spä­ter, vielleicht zu halb­herzig, auf Pottfi­sche und Tümmler aus war, über­sehen haben könnte.

Das nun wieder trö­stete meine Frau gar nicht: Sie ver­höhnte mich und lief davon.

 

Als ich nun von Bord ging in meine Wohnung hin­ein war plötzlich alles aus. Brüchig, halb vermodert, halb verfallen, nicht dem leisesten Wind ge­wachsen stank mir das ge­schmacklose Inventar entge­gen.

Stumm saß da dicht an mei­nem fauligen Bett zwar immer noch das Na­menlose, aber es griff nun nicht länger nach meiner Hand. Sa­tan, es gab mir auch keine gelbverbliche­nen Köpfe von toten Heiden, die ich wie frü­her mühelos perlengleich auf eine Schnur reihen und Lieder aus fernen Ländern flöten lassen könnte. Die Beden­ken wuchsen nicht mehr ins Ungemessene und Abwe­gige.

Ich konnte mir nichts er­finden, hatte scheints alles und auf der gan­zen Linie großzügig verlo­ren und sah ein, daß mir end­gültig die Mittel fehlten der scheuß­liche Kannibale auch zu sein, der ich bin, der mit seiner schauer­lichen Sense die ge­waltige und gerechte To­tenernte einfährt.

Ich ging in die Wirtschaft. Die Rotten von Matrosen und Leichtma­trosen, die hereinge­schlingert ka­men und nach ei­ner Weile wieder herausschlin­gerten, hatten sich indes kaum verän­dert. Sie be­schwo­ren Erinnerungen herauf, an de­nen man nicht viel Freude hat, tran­ken in Maßen, talkten ih­re paar Takte her­unter, versi­cher­ten sich, den jeweiligen Umständen Tribut zollend, recht ge­schickt ihrer und der Kapitäne Gunst und hiel­ten sich ansonsten verblümt. Mir graute vor ihnen.

Jetzt graute mir die ganze Stadt und mir graute die nutzlos gewor­dene Woh­nung, ja überhaupt das ganze feste Land graute mir ent­setzlich.

 

Nachdem ich in einem letzten Aufbäumen alles von den Wänden gerissen und verbud­delt hatte, tat ich tagelang nichts an­deres, als vom Bett aus scheel die Flie­genfalle zu be­obachten, auf der sich durchaus keine Fliege nieder­lassen, festkle­ben und ka­putt­gehen wollte. Die Vorstellungen konn­te ich nicht rich­ten. Und jetzt im­mer noch. Und jetzt immer noch. Auf wen? Auf was? Wenn jetzt ein guter Satz, ein richtig guter, Zufall, ein gu­ter Satz aus Zufall, meinetwegen!, dabei wäre, ich würde ihn wohl kaum erken­nen und also nicht schreiben. Diese traurige Tatsache machte mich aber nur umso gleichgülti­ger, höch­stens ein bißchen Verachtung spielt Mu­sike dazu auf einem eher reizlo­sen Instrument.

Also lie­ber wieder ir­gendwo anheu­ern?

 

 

 

 

 

Für Starship, Berlin 1998