Nicolas Siepen in
Texte zur Kunst , Dezember 2005
Kampf um Relevanz oder die Mühlen des
Lebens
Michaela Eichwald bei
dépendance, Brüssel, und im Offspace Brunn, Berlin
Die Arbeiten von
Michaela Eichwald sind eine Schule der bittersüßen Pein des Wahrnehmens. Als
bildnerisch arbeitende Schriftstellerin oder schreibende Künstlerin sind bei
ihr Bild, Objekt, Schrift und Kontext aufs Engste verwoben. Lesen bedeutet hier
auch Sehen und umgekehrt. Sehen im Sinne von wirklich hingucken und entziffern
und Schrift, die nicht nur gelesen und entziffert, sondern ebenso bestaunt
werden will. Von der Rezeption wird eine konstitutive Anstrengung verlangt: »Ein
Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen« heißt es auf einer älteren Collage,
gefunden als Untertitel von Johann Gottlieb Fichtes Text „Sonnenklarer Bericht“
von 1801. Diese Strenge bedeutet in letzter Konsequenz, dass dem Rezipienten
die Verantwortung für seine Wahrnehmung zugemutet wird. In der Zwischenzeit erfindet
man sich eine sinnvolle Aufgabe:
»Liebe Frau Eichwald,
Mädchen brauchen Ihre Unterstützung! – Kaputt-Teenagerlexikon, Kasus Knaxus«,
verkündet eine geschaltete Anzeige in der neuen Ausgabe der Starship. Schon die
Verwendung des Begriffs »Teenager« zeigt an, das Michaela Eichwald eine Affinität
für verbrauchtes Material und angestaubte Codes hat. Außerdem hofft sie
wahrscheinlich, dass jemand das Kaputt-Teenagerlexikon noch kennt. »Kaputt« war
jenes relativ schlecht gemacht deutsche »Mad«.
Dass ihre Arbeiten
nicht einfach nostalgisch wirken, hängt mit der eigentümlichen Stilistik
zusammen, mit der Schrift, Objekt und Kontext ausbalanciert werden. Dieses
Gefüge wird grundsätzlich durch keinen konkreten oder theoretischen Formalismus
entschärft oder befriedet, sondern ist völlig auf deren inneres Spannungsverhältnis
konzentriert. So wird auch keine konkrete Idee in den »F«ordergrund gestellt,
es sei denn sie findet ihren Weg durch das verfemte Zeug, mit dem Eichwald zu
arbeiten pflegt. In diesem Sinne ist sie keine Konzeptkünstlerin, es sei denn
Tragikkomik ist ein Konzept.
Schon die
Einladungskarten sind Kostproben einer seltsamen Sicht der Dinge.
So ein Exemplar ist
zum Beispiel die Karte für die Ausstellung »Verrecke, du fiese Buppe!«, die 2003 in der Galerie Meerrettich in Berlin stattgefunden
hat. Die Abbildung stammt wahrscheinlich aus einem alten Kinderbuch: Ein Männchen
mit Birnenkopf und weiß-blauer Bayernhose, das unter einer Traubenbirke sitzend
ein Lied auf der Birnenmandoline anstimmt. Das Bild hat etwas von niedlich, spießig
heiler Welt und ist doch, oder gerade deswegen unheimlich. Diese Wirkung wurde
jedoch verfeinert bzw. vergröbert: Auf das Birnengesicht ist ein kleiner, gemeiner
Zackenmund gezeichnet, was der „Buppe“ ein unglaublich blödes, penetrantes
Aussehen verleiht. Darunter steht in Handschrift: »Verrecke du fiese Buppe! – Ach
nein! Bitte lasst sie!«
In den Artefakten von
Michaela Eichwald wimmelt es vor lautmalerisch-neologistischen Wortklängen, die
man sofort laut vor sich hin sprechen möchte. Die Publikation »OSMOSE«, die
anlässlich der Ausstellung in der Galerie Meerrettich erschien setzt den
Kontext: »Fragen von Uffspritzung, Verklebung, Nichtung, von Uebergärung und Ueberfrachtung
bestimmen den Tag. Gedanken des Ärgers, der Ehre, des Sehnens, nach Gewalt,
nach dem Geld. Nach der Herrin. Alle-Alle-Alletag, AufLallung. Abnippeln,
pennen pennen. Dankbarkeit für alles.« Wortgirlanden wie diese markieren in
etwa das sperrige Universum, in dem sich die Künstlerin immer wieder aufs Neue geschmeidig
einrichtet. So auch in den beiden letzten Ausstellungen in Berlin und Brüssel,
die ebenfalls von einer Publikation mit dem schönen Titel »Kampf um Relevanz« begleitet
werden und dem Prinzip von Statik und Variation folgen.
Im winzigen Offspace
»Brunn« am Rosentaler Platz gab es zum Titel eines J. M. Simmel Romas »Niemand
ist eine Insel« Bilder, Zeichnungen und Collagen zu sehen. In der Galerie »dépendance«
in Brüssel gesellten sich zu den Bildern auch im Raum platzierte Objekte. Das
Faltblatt, das diese Ausstellung ankündigte, zeigt ein altes s/w Foto aus einem
Bildband über Tallinn aus den 60er Jahren, auf dem eine 5er-Frauenriege durch eine
verschneite Dorfstraße geht, überschrieben mit »Kampf um Relevanz – Privilège«.
Es wird nahegelegt, dass es sich bei den Passanten um Arbeiterinnen handelt. Die
eindeutigen Anspielungen auf Gesellschafts- und Klassenverhältnisse, die hier
konstruiert werden, erscheinen durch die in die Jahre gekommene Momentaufnahme
wie Zeichen aus einer vergangenen Welt. Dieser Vergangenheitsbezug ist jedoch
nur eine vorläufige Setzung und wird in der Ausstellung selber mit einem
beträchtlichen Fingerspitzengefühl für politische Realitäten auf die Aktualität
der eigenen Produktionsbedingungen hin gewendet. Das, was als nostalgische Referenz
an einen scheinbar vergangenen Gesellschaftszustand beginnt, entpuppt sich als eine
seltsame Vision, in der der innere Kampf um die Relevanz von Bedeutung und Form
der eigenen künstlerischen Arbeit als auch gesellschaftliches Verhältnis
dramatisiert wird. Dabei scheut Michaela Eichwald vor Selbstentblößung nicht
zurück. Die Texte, in denen sich biografische und fiktive Beschreibungsebenen überlagern,
sind ein Gemisch aus eigenen und geliehenen Stimmen, die in einem permanenten
Konflikt stehen: »Der Brinkmann nervt mit seinem ständigen „ein atemloses
Sprechen“, - Alter, was willst du eigentlich? denk ich
- was wolltest Du nur? (…) Typisch für RDB und seine Zeit auch solche bekloppten
Sätze wie: die Ehe verkrüppelt einen in diesem Staat, Krüppelstaat Ehe,
Krüppelstaat Staat. Damals wollte der Staat den Einzelnen noch zerbrechen,
unterdrücken und verkrüppeln. Heute hat er ganz andere Sorgen. Er kann sich darum
gar nicht mehr kümmern, hat es ganz vergessen, den Einzelnen kaputt zu machen.
Kommt einfach nicht mehr dazu. Ergibt sich jetzt mehr so von selbst«.
Die beständige und
ironische Übertreibung dieser Inszenierung ist darum bemüht, die tägliche
Scheinheiligkeit im Umgang mit anderen und mit sich selbst zu erkennen und noch
die kleinsten Schmähungen und Zweifel unter die Lupe zu nehmen und spürbar zu
machen.
Die Installation »Kampf
um Relevanz, God of Emptiness, Privilège« macht den Eindruck einer filigranen,
zaghaft ihre Fühler ausstreckende Messeinheit, die dazu konzipiert wurde den
Raum danach auszuloten, wie viele Differenzen er gleichzeitig ertragen kann, ohne
zu kollabieren. Komischerweise ist der Effekt eine Idylle: »Die Idylle ist die
epische Darstellung des Vollglücks in der Beschränkung ... wo die Wünsche sich erfüllen,
ohne das Herz weder zu leeren noch zu sprengen … Der schöne Tag, will ich
meinen. « (Jean Paul: Vorschule der Ästhetik, 1813)
Der Satz: »Ich kann
nicht zulassen, dass eine Differenz entsteht zwischen dem, was ich bejahe und
dem, was ich verneine«, den Eichwald einer Ausstellung im Braunschweiger
Kunstverein vorangestellt hat, ist so etwas wie das Grundkonzept ihrer Arbeit.
Es sind immer wieder dieselben Fragen, die gestellt, verworfen und nur
beantwortet werden, um abermals vorgelegt zu werden und letztlich wird dieser
Konflikt zu keinem Pol hin aufgelöst. Öffnen, ja, - aber auch offen halten.
»I can’t go on, I’ll
go on! « lautet eine der schönen Stop-and-go-Formeln von Samuel Beckett, mit
dem Michaela Eichwald nicht nur den Hang zum Apokalyptischen teilt, sondern auch
den irren Humor, durch den die scheinbare Ausweglosigkeit für Augenblicke in vergnügliche
Hoffnung transformiert wird. Wohl schwer ist manchmal der Stoff, doch heiter
die Intonation. Die einzelnen Arbeiten, die in einer räumlichen Konstellation
stehen und in Verbindung mit den Texten ein Aggregat aus Überschreitungen und
Distanznahme bilden, verlangen der Rezeption einiges ab. Gut so, denn jede Arbeitsweise
löst automatisch eine bestimmte Palette von Kritikpatterns quasi reflexartig
aus - infantil, regressiv, privatistisch, anachronistisch, vorkritisch,
deutschfixiert, Anti-PC, hippiesk, fetischistisch, um nur einige zu nennen - so
ist wenigstens auch klar, das dieses Arsenal an möglichen Rationalisierungen
immer Gefahr läuft, sich mit Reduktion von Komplexität die Dinge vom Hals zu
schaffen. Aber anstatt sich in eine Verteidigungshaltung zu begeben oder sich
anderweitig abzusichern, wirft sich Michaela
Eichwald halsbrecherisch in die Behauptung, dass eine relevante Artikulation
nur erreicht werden kann, wenn Negation und Affirmation, Ablehnung und
Begeisterung ineinander gefaltet sind und auf eine Aufhebung verzichtet wird.
Die Objekte
»Gnadenmutter«, eine mit Perlenketten und Anstecknadeln quasi-anbetungswürdig
überreich geschmückte Plüsch-Fledermaus auf einem asymmetrischen Sockel, die
gen Himmel zu schreien scheint und »leave me alone«, eine Skulptur, die alte
Batterien, Kleingeld, alte Fahrradschlüssel und dergleichen Mist mehr
eingegossen in Billig-Epoxidharz beeinhaltet, was sind sie?
Nicht auf einen
Begriff zu bringen.
Ich bin sehr gespannt
wohin dieses NO FUTURE noch führt.
Nicolas Siepen
»Kampf um Relevanz, God of Emptiness,
Privilège«,
dépendance, Brüssel,
17. September – 15. Oktober 2005.
»Niemand ist eine
Insel«, Brunn, Berlin, August 2005
Michaela Eichwald hat
2000 ausgewählte Beiträge 1989 -1999 unter dem Titel »Gewärtigen gegenwärtigen
– 10 Jahre sind kein Tag« veröffentlicht
b_books/Galerie
Buchholz ISBN 3-933557-16-x