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Kar-Stadt

 

Das Gebiet Bergisches Land und beginnendes Ruhrgebiet ist auf eine berührende und beruhigende Weise hinterblieben in seiner Ausstrahlung. Sofort sieht alles so aus, wie typisch typigut in seinem Kolorit. Direkt und doch psychisch verquer entgegenkommend erinnert es an die Jugendzeit, die hier hoffentlich für ewig stehengeblieben ist, obwohl ursprünglich menschenverachtend von seinen Erbauern geplant und gebaut, zum Beispiel Solingen.

Gehe ich in den Karstadt in einer fremden Stadt, denke ich oft daran, wie Margit Carstensen die große und schöne Mimin, „KARRRR-STADT — diese Schweine“ als Petra von Kant im Faßbinder-Film sagt. Sie sagt es mit lässigem Ingrimm, formlos mondän, mit absoluter unterschwelliger Wut sagt sie es (in meiner Erinnerung): Karrrrrrrrstadt.

Der Regen setzte wieder ein in Solingen, es regnete ja praktisch den ganzen Tag. In einer Kurve am Berg kollerten zwei Dicke fast stehend seitlich von ihrem Moped, rappelten sich aber, so schnell sie es konnten, wieder auf.

Wir waren schon mittags kurz im Karstadt gewesen, jetzt, spätnachmittags, gingen wir wieder hin.

 

Im Karstadt war es mollig warm und einsam. Wir verbrachten etliche Zeit, um die Waren zu begutachten. Fotos wurden gemacht; ein ernsthaft blickender Kai inmitten einer opulenten Geschirrlandschaft für eine schwungvolle, lukullisch schwer interessierte Apothekerfamilie.

Die Kundschaft wurde über Lautsprecher freundlich verabschiedet und bald gingen nach und nach die Lichter aus. Am Ende strahlten nur noch die grünlichen Notlampen schwach.

Ein Frieden legte sich jetzt auf das Handelsgut, bleich sah alles aus. Eine große Müdigkeit überschwemmte unsere Herzen. Wir krochen unter einen Haufen aus Steiff-Tieren und ließen uns sanft vom Wachpersonal einschließen.

Ob man sich morgen die huttererartigen Schuhe von Rohde zulegen sollte für weitere Wanderungen im Frühling, das war die Frage im nächtlichen Karstadt. Wie man den kommenden Frühling und die kommende Zukunft weiter mit Wert und Leben aufladen kann.

Du bist doch schon so frei, hast alles, kannst soviel, blabla usw., — was willst Du denn noch? Du mußt nicht flüchten, Dein Leben — — ist kein Fluch.

 

Im Morgengrauen strömten die Heerscharen der Kundschaft hinein, das Leben ging wieder seinen Gang.

Es hatte zu regnen aufgehört und es roch draußen frisch und kalt. Wir verließen den Karstadt und stiegen in den Bus, der uns zurückbringen würde. Während der Bus so durch die Landschaft schnurrte, dachte ich: Die Lutheraner haben sich den Wahn- und Hirn-Glauben angewöhnt, das wahre Gefühl aber, wenn man denn glaubt und glauben will, soll einfältig sein, zutraulich und arglos.  „In Gottes Gnade leben, ruhig dabei sein.“ So heißt es in einem Gedicht-Teil  in „Ja, Herrkenn mich genau.“ Soll man das denn so jetzt auch nehmen? ob hier der richtige Gott-Gott gemeint ist?

Ich glaube fast: ja, es ist alles tiefer Ernst.

Ich gehe in dieser Richtung nicht mit.

 

 

Haus Segenborn

 

Demut, o.k., als Kontemplation und Hingabe, Pietät vor der „Natur“ des Menschen und, sagen wir ruhig: vor der gesamten beseelten und unbeseelten Natur, freilich als evolutionär Gewordene und Werdende und als Menschenverantwortete.

Die weltliche Geschichte des Werner M., der aufläuft und verkommt, der in hämischer Weise ausgeliefert wird von den Mitgliedern seiner Gesellschaft, aber es auch selbst drauf ankommen läßt und im Strom stehenbleibt. Die Preisgegebenen,  Leid und Mitleid.

 

Das Haus Segenborn gehört zum Dezernat Gefährdetenhilfe und ist eine Neben-Einrichtung des Coenaculum Michaelshoven im oberbergischen Dorf Pulvermühle, Kreis Waldbröl. An 4 Wohnhäuser mit 50 Plätzen für „gestrauchelte Männer“, das Leben in der Krisis, schließen sich ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Viehzucht und verschiedene Werkstätten an. Man muß sich da aber nicht dran beteiligen, wenn man es nicht will.

 

Man war also wieder tagelang mit den Männern von Haus Segenborn zu Holz - und Aufforstungsarbeiten unterwegs und klettert jetzt gut gelaunt die Anhöhe herauf.

Mal sieht man ihn mit den anderen in der Bushaltestelle sitzen auf die Hände starren, während die rauchen, mal Zeitung lesen oder Müll einsammeln. Heute saß er stundenlang regungslos neben Arno mit einem Stöckchen am Bach. Dort haben sie die Weißfische unter den Steinen beobachtet und auch zwei Forellen gesehen.

Die Unverwandtheit dieser Leute ist gut. Das will ich.

Ich merke auch, es ist was Richtiges: Nicht nur fern, diffus anrührend, sondern hat es auch etwas Handfestes. Teilweise aber auch unfroh. Gestern gabs furchtbaren Streit um die Zigaretten und nachher sogar fast noch Klöpperei um das Fernsehprogramm. Bescheuert. Aber der Tag heute war sehr gut.

Wie der Arno mir seine Möbel gezeigt hat. Oder wie wir gelacht haben, als der Helmuth zu Mittag gekocht hat und fast stehend dabei eingeschlafen wäre. Wenn doch alle es sich leisten könnten, neben ihrer scheußlichen Arbeit auch irgendwas zu machen, was sie wirklich gern täten und wofür andere sie gerne haben oder sich drüber belachen könnten! daß so was mal gefördert würde! und nicht immer nur der blöde Abfack, der tausendfach belohnt wird.

Wenn doch jeder im Leben seiner Entwicklung und seiner „Person“ frönen könnte und damit soviel „Erfolg“ haben würde, daß er von sich absehen könnte, verstehst Du, nicht nur ängstlich oder gierig an sich kleben bliebe...

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Das ganze triefende Leiden und die Quälerei-Darstellung, das Schinden der Uniformierten auf der einen Seite, den Trost und die „Erlösung“ vom Leiden auf der anderen, die Idylle vom Gehalten-Sein, Brüderlichkeit, Unbedarftheit — will ich eigentlich nicht so sehen, das ist nicht so mein Fall. Da muß ich dann doch lachen oder es regt mich echt auf. [Was solls!]

Persönlich interessiert mich: wie kommt man von der Illustration ins „geistig“ Offene, Abstrakte, in das mehr und mehr  f r e i   A u s f ä l l i g e  der Darstellung, die sich doch wieder fängt und ich weiß nicht genau, worin usw. ...

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Wenn ich angesichts der Weite der Freiheit in der Schöpfung, der Selbstbestimmung ansichtig werde, die ihre Aufgaben angeht und bewältigt, ohne Klage, wieder und wieder, bis ein ansehnlicher Berg „Werk“ entsteht, kommt Freude auf. Mir persönlich eher am liebsten ohne Geschichte, ohne Anekdote, ohne Schmus allen Stützen enthalten da nur blau und rot getränkte, an sich völlig widersinnige Drechselarbeiten als Gestell für sich in den Raum stehen lassen und als Püppchen auf gebrauchte Allerweltsstühle setzen, das dann „Bezirk der Widerrede“ betiteln; ist Eröffnung, Entschränkung.

Nicht blöd, nicht barsch, nicht für andere gesprochen. 

 

 

Ja zu sagen zu den Schmerzen des Wachstums und auch noch die Zukunft des Kommenden lieben —          

dabei DER ERDE TREU BLEIBEN!

 

                                 O LAND LAND LAND

 

                                            wie schwer ist das

 

Im Haus Segenborn heißt es jedenfalls einfach: reine Lebenspraxis: Wir lernen, wie man selbst imstande wird sich in die Lage zu  bringen, etwas mit Wert und Liebe aufladen zu können. Ja?

 

Die Seligkeit ist nichts Verheißenes — sie ist da, wenn man so und so lebt und thut.